Stadtgeographische Modelle dienen dazu, in überschaubarer Form die
räumliche Organisation einer Stadt z.B. hinsichtlich der Struktur ihrer
Bevölkerung und Wirtschaft darzustellen und Erklärungszusammenhänge aufzuzeigen.
In diesem Kapitel werden nur wenige ausgewählte Modelle der Stadtgeographie kurz
skizziert und ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede angedeutet. Eine intensivere Betrachtung
von Modellierungsansätzen in der Stadtgeographie wird hier jedenfalls nicht vorgenommen.
Die im folgenden beschriebenen Modelle spiegeln zwar unterschiedliche
Betrachtungsansätze wider, weisen jedoch einige Gemeinsamkeiten auf.
So abstrahieren die Modelle i.d.R. die vorhandene Raumausstattung (z.B.
Topographie, Maßstab), machen keine Angaben über die Größe
und Besiedlungsdichte, sind ohne zeitlichen Bezug und ohne Angaben zu
Rahmenbedingungen (wie z.B. Gesellschaftssystem).
Es gibt eine Vielzahl von Modellen, die entweder die Binnenstruktur von Städten oder die Beziehungen zwischen Siedlungen betreffen. Einige der am häufigsten in der Geographie referenzierten sind die folgenden.
Die "klassischen" Stadtstrukturmodelle entstammen der Sozialökologie
der sogenannten Chicagoer Schule. Ausgehend von Betrachtungen der städtischen Bevölkerungsverteilung
nach Dichte und Sozialstruktur, wurden Gebiete innerhalb von (nordamerikanischen) Städten
ausgegliedert, die sich bezüglich bestimmter Grund- und Aufrißformen und soziologischer
bzw. funktionaler Merkmale als relativ homogen erwiesen. Diese in sich häufig wenig gegliederten
Gebiete waren meistens durch morphologische Barrieren wie z.B. Eisenbahnstrecken, Kanäle oder
Flüsse von anderen Gebieten der Stadt deutlich abgegrenzt und wurden als 'natural areas'
bezeichnet.
Für die typischerweise bezüglich sozialer, ethnischer und familiärer Merkmale homogene
Zusammensetzung der Wohnbevölkerung in den natural areas wurden Erklärungsmuster gefunden,
die als Prozess(komplex) der Segregation beschrieben und theoretisch fundiert wurden.
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Bei der Abgrenzung von Teilräumen wurden
unterschiedliche Teilaspekte der räumlichen Verteilung unterschiedlich
gewichtet. Beim Zonenmodell von BURGESS (1925) - abgeleitet von der Struktur
Chicagos - wurde eine zentral-periphere Gliederung ausgehend vom Central
Business District (CBD) mit starker Betonung auf die beobachteten
Bevölkerungsdichteverteilungen dargestellt. Dabei stellt in der
Modellvorstellung der CBD den Mittelpunkt der Stadt in wirtschaftlicher,
kultureller und politischer Hinsicht dar. Umgeben ist er von konzentrischen Zonen mit jeweils spezifischer
(dominanter) Funktion und Bevölkerungsstruktur.Dieses klassische Stadtstrukturmodell bildete den Kern von Burgess' Theorie der Stadtentwicklung. Es wurden von ihm 15 Hypothesen zu den Mechanismen der
Stadtentwicklung aufgestellt. |
| Abb.1 Zonenmodell nach Burgess (Quelle: LICHTENBERGER, 1991:57, verändert) |
| Im wesentlichen haben sich diese Hypothesen zur Theorie der Stadtentwicklung bis heute bewährt. Ein wesentlicher - empirisch zu begründender - Einwand von Hoyt (1939) lautete, daß die Ausbreitung von Oberschicht-Wohngebieten nicht konzentrisch, sondern sektoral erfolge. Das Hoyt'sche Sektorenmodell ließ sich häufig empirisch besser begründen, als das Burgess'sche Ringkonzept. Allerdings konnte seine Annahme, daß v.a. die Oberschicht die Expansion der Stadt durch Verlagerung der Wohnstandorte steuere, in der Zwischenzeit wiederlegt werden. Als "Motor" der Stadtentwicklung fungieren heute meistens Verlagerungen von Produktionsstandorten und die Ausdehnung des tertiären Sektors. | ![]() |
| Abb.2 Sektorenmodell nach Hoyt (Quelle: LICHTENBERGER, 1991:57, verändert) |
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Die oft wesentlich komplexere reale Stadtstruktur, die auch nur selten mit mit den beschriebenen Modellen in Übereinstimmung gebracht werden konnte, führte zur Definition einer weiteren modellhaften Vorstellung durch Harris & Ullman (1945). Das Mehrkernemodell trug insbesondere der Tatsache Rechnung, daß die seit der Gründerzeit stark expandierenden Großstädte im Zuge ihrer Entwicklung kleinere Vorortgemeinden inkorporiert hatten, deren alte Siedlungskerne durch Strukturpersistenz das Gefüge der Gesamtstadt deutlich mit prägten. Ein weiterer Grund für das Auftreten von separierten Stadtbereichen mit unterschiedlichen Nutzungsschwerpunkten wird in der seit der Einführung moderner Massenverkehrsmittel einsetzenden Tendenz zur Funktionsentmischung gesehen. |
| Abb.3 Mehrkernemodell nach Harris und Ullman (Quelle: LICHTENBERGER, 1991:57, verändert) | Ein anderer wesentlicher Aspekt des Modells von Harris und Ullman ist die asymmetrische Orientierung des CBD in Richtung auf die Wohnquartiere der Mittel- und Oberschicht, die der tatsächlichen Entwicklungsrichtung eher entspricht. |
Die einzelnen Modellkonzepte wurden seitdem häufig empirisch überprüft (an einzelnen Beispielen ließen sich auch 'idealtypische' Ausprägungen nachweisen, so z.B. das Zonenmodell am Beispiel Berlin durch LOUIS). Mit der Anwendung immer komplexerer statistischer Verfahren und dem Trend zu "Quantitativen Methoden in der Geographie" wurden die Modellannahmen für jedes einzelne Strukturelemente detailliert untersucht.
Untersuchungen von MURDIE (1969) und TIMMS (1971) zeigten, daß jeweils eines der klassischen Stadtstrukturkonzepte als Erklärungsmuster für die Verteilung der Bevölkerung nach einem demographischen Merkmal dienen konnte.
Die bisher vorgestellten Stadtstrukturmodelle spiegeln indirekt die gesellschaftlichen, politischen und sozialen Gegebenheiten während bestimmter Stadtentwicklungsphasen (z.B. Industrialisierung, Motorisierung) für Städte der frühindustrialisierten Länder der Nordhalbkugel wider. In anderen Kulturkreisen haben andere gesellschaftliche oder wirtschaftliche Entwicklungsprozesse zu ebenso charakteristischen Strukturen geführt, die sich aber deutlich von denen europäischer und nordamerikanischer Städte unterscheiden.
Beispielhaft sollen im folgenden die "typisch
europäische" und die "orientalische" Stadt miteinander
verglichen werden, denn beide reichen in ihrer Entstehungsgeschichte in etwa
gleich weit in die Vergangenheit zurück und die verschiedenen
Entwicklungsphasen sind zumeist durch strukturelle Persistenzen und eine
Vielzahl zeitgenössischer Quellen auch heute noch gut nachvollziehbar.
Vergleicht man zunächst die Standorte von Wohnen und Arbeiten, so
fällt ein erster wesentlicher Unterschied ins Auge: Wurde die Trennung von
Wohn- und Arbeitsort in den europäischen Städten erst im Zuge der
Industrialisierung zu einem neuen Impuls der Stadtentwicklung, so
herrschte dieses Prinzip in den traditionellen orientalischen Städten
bereits seit Anbeginn vor, denn die - auch für die Entwicklung der
europäischen Stadt wichtige - (Handwerks)Produktion war ebenso im
zentral verorteten Bazar konzentriert wie Handel und Lagerhaltung sowie
Finanzdienstleistungen.
Typische aus dem Mittelalter tradierende
europäische Städte waren dagegen durch die Einheit von Wohn- und
Arbeitsort gekennzeichnet. Häufig lagen Läden oder
Handwerksbetriebe im Erdgeschoß der Häuser und die Wohnungen im
Stockwerk darüber. Eine räumliche Differenzierung fand in erster Linie
in der Standorttrennung unterschiedlicher Branchen
(Zünfte/Gilden) statt.
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Bei der Segregation verschiedener Bevölkerungsgruppen
überwiegt in der traditionellen orientalischen Stadt die ethnische und
religiöse Segregation, während in der europäischen Stadt das
Prinzip der sozialen Segregation dominiert. Die ethnische Segregation wird
begünstigt durch den Sackgassengrundriß der traditionellen
orientalischen Stadtkerne, der die räumliche Separierung baulich
manifestiert. Die europäische Stadt ist dagegen stärker durch ein Kern-Rand-Gefälle im Sozialstatus gekennzeichnet, das sich im Aufriß durch die Größe und bauliche Gestaltung der Gebäude äußert und in den im Absolutismus gegründeten Städten ihren Höhepunkt findet. Häufig sind auch in früheren Phasen der Stadtentwicklung die Herrschaftssitze im Zentrum der Stadt zu finden, während bei der klassischen orientalischen Stadt die Zitadelle als Herrschaftssitz aus strategischen Gründen beinahe ausschließlich an der Peripherie der Stadt angelegt wurde. |
| Abb.4 Modell der orientalischen Stadt (Quelle: STEWIG, R., "Der Orient als Geosystem." In: Schr. d. Deut. Orient-Inst. Opladen. , 1977:164, verändert) | Unterschiede in der Bewertung von Öffentlichkeit und Privatheit äußern sich ebenfalls in den Stadtgrundrissen. |
Während der Sackgassengrundriß der traditionellen orientalischen Stadt und die Gebäudegliederung (Orientierung zum Innenhof, relativ schmucklose Fassade) die große kulturelle Wertschätzung der Privatsphäre versinnbildlicht, wird der Repräsentationscharakter mittelalterlicher Fassaden und die durchgängigen öffentlichen Straßen sowie die allgemeine Zugänglichkeit auch von Hofbereichen in der traditionellen europäischen Stadt als Ausdruck der Gewährleistung von Sicherheit und Ordnung interpretiert (vgl. LICHTENBERGER, 1991:60).
Die soeben vorgestellten klassischen kulturökologischen Stadtstrukturen
wurden seit dem 19ten Jahrhundert, vor allem aber in diesem Jahrhundert
weitgehend überprägt. Es kam dabei häufig zu einem
räumlichen Nebeneinander klassischer und neuer Strukturen, das sich
entweder konzentrisch oder (seltener) bipolar angeordnete. Auch diese
Entwicklungen, die zumeist mit einer funktionalen Zweiteilung
einhergingen, lassen sich durch graphische Modelle repräsentieren (vgl. LICHTENBERGER, 1991:67ff).
Modellhafte Beispiele finden sich für die Überprägung der
traditionellen orientalischen Stadt vor allem in Nordafrika mit den
Stadterweiterungen aus der französichen Kolonialzeit. Für die
Überprägung der klassischen europäischen Stadt sei das Beispiel
Halle/Halle-Neustadt in Deutschland erwähnt.
Gemeinsam ist den hier vorgestellten Modellen, daß sie versuchen, die
Entstehungs- und Entwicklungsprozesse städtischer Siedlungen
allgemeingültig abzubilden.
Leider verleiten diese - in keinem Lehrbuch fehlenden - graphischen Modelle
häufig zum unmittelbaren Rückschluß auf die Realität, der
aufgrund des hohen Abstraktionsniveaus und zumeist fehlender Angaben zu
Modellrestriktionen nicht möglich ist.
Die - in diesem Kapitel nur angedeutete - Vielfalt der unterschiedlichen modelltheoretischen
Ansätze spiegelt zugleich die Vielzahl verschiedener Untersuchungsperspektiven
stadtgeographischer Forschungen wider, die in folgenden Kapiteln teilweise eingehender
betrachtet werden.
[cb]
Literatur zu diesem Kapitel: