Grundriß und Aufriß der europäischen Stadt im Verlauf der Geschichte von den Anfängen bis zur Stadt des 20. Jahrhunderts


Einleitung

Seit den Anfängen städtischer Siedlungsentwicklung um etwa 3000 v. Chr. waren Grund- und Aufriß der Städte durch eine fortwährende Entwicklung und Veränderung gekennzeichnet. Auch während ein und derselben historischen Epoche lassen sich zwischen unterschiedlichen Kulturräumen Unterschiede in der äußeren Gestalt von Städten sowie ihrer jeweiligen sozialen und funktionalen Struktur ausmachen.

Dabei findet das siedlungsbezogene Planungs- und Gestaltungshandeln der Menschen seinen Ausdruck in jeweils spezifischen Grund- und Aufrißformen städtischer Siedlungen, die der Mensch zuvor zur Verwirklichung seiner spezifischen Siedlungsziele und Siedlungszwecke erdacht hat. Gerade städtische Siedlungen und urban geprägte Siedlungsräume unterlagen und unterliegen daher stets dem Wandel der jeweiligen Lebenskultur und der Lebensstile.

Der geschichtliche Wandel im Grundriß und Aufriß von Städten, mitsamt der diese jeweils konstituierenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, sollen im folgenden anhand von Städten des europäischen Raumes für wichtige kulturhistorische Epochen an einigen typischen Beispielen aufgezeigt werden.

Frühzeit

Erste städtische Siedlungen lassen sich von archäologischer Seite bereits für die Zeit um etwa 3000 v. Chr. in Vorderasien, Ägypten, Mesopotamien und im Gebiet des heutigen Iran nachweisen. Aus klimatischen Gründen erfolgte von dort in den folgenden 1500 bis 2000 Jahren eine Ausbreitung städtischer Kulturen vor allem in Gebieten zwischen dem 20. und dem 40. Breitengrad nach Osten bis hin zu Teilen des heutigen China und nach Westen bis zum südlichen Zipfel der iberischen Halbinsel.

Abb. 1: Vorgeschichtliche Verbreitungsgebiete städtischer Kulturen
Abb.1
Quelle: Jürgen Hotzan 1994: dtv-atlas zur Stadt, S. 22, verändert

Beispielhaft erwähnt werden kann hier die etwa um 1200 v. Chr. von den Phöniziern gegründete Stadt Gadir - heutiges Càdiz - (phönizisch: Gadir = Zaun, Umfassungsmauer, Festungsmauer, Hafenmauer), die heute als die älteste städtische Siedlung Spaniens und ganz Westeuropas angesehen wird. Waren die Phönizier zu damaliger Zeit bekannt als Handels- und Seefahrervolk, so zeigt sich dies bereits in der strategischen und topographischen Lage der Stadt. Nahegelegen zu den "Säulen des Herkules" lag sie an der Nahtstelle zwischen den Handelswegen des Mittelmeers und denen entlang der Atlantikküste. Sie diente vor allen Dingen dem Handel mit den reichen Erzvorkommen des Hinterlandes, wobei die topographische Lage der Stadt sehr gut zur Errichtung einer entsprechenden Hafenanlage geeignet war.


Klassische Antike

Die klassische Antike hat für die Architektur bis heute gültige Maßstäbe gesetzt.
Der griechische Begriff "polis" bezeichnete dabei nicht lediglich die physische Stadtgestalt in Form ihrer Gebäude, Straßen und inneren Gliederung, sondern vielmehr auch die Gemeinschaft der Stadtbewohner (griechisch: ho polìtäs = Bürger, Mitbürger, polì teùein = Bürger sein, als Bürger leben, sich wie ein Bürger verhalten). Dies läßt sich sehr gut anhand von Ausführungen des griechischen Philosophen Aristoteles erkennen, in denen er wiederholt die Mitgliedschaft und Funktion eines jeden einzelnen in der städtischen Gesellschaft sowie der Bedeutung städtischer Lebensformen betont. Allerdings bildeten die Stadtbürger neben den kein Bürgerrecht besitzenden Fremden (griechisch: Metöken = Mitbewohner) und den Sklaven (griechisch: Douloi) nur einen Teil der griechischen Stadtgesellschaft. Eine Schätzung der Einwohnerzahlen griechisch-antiker Städte, sowie ihrer jeweiligen Teilbevölkerungen erweist sich bis heute als sehr schwierig. Für die Stadt Athen schwanken die Schätzungen für das 5. Jh. vor Chr. beispielsweise zwischen etwa 35.000 und 172.000 männlichen Stadtbürgern, die Metöken und Sklaven nicht gezählt.

Stilistisch läßt sich der griechische Städtebau in den "archaioteros tropos" (älterer Stil bis ca. 480 v. Chr.) und den sich anschließenden "neoteros tropos" (neuerer Stil ca. 480 bis 335 v. Chr.) gliedern.
Bereits für die Epoche des frühgriechischen Stils läßt sich eine räumliche Nähe der Standorte von Wirtschafts- und Verwaltungsfunktionen innerhalb der Stadt feststellen. Die Agora, der Marktplatz bildete in aller Regel den zentralen Ort der Stadt. In ihrer direkten Nähe befanden sich meist der Sitz des Stadtrates, das Buleuterion (griechisch: ha bouilä = ratsversammlung, bouleùein = beraten, Ratsmitglied sein), andere öffentliche Gebäude sowie die den verschiedenen griechischen Göttern gewidmeten Tempelanlagen. Hinsichtlich letzterer wurden im Fall der herrschaftlichen Übernahme von Siedlungen die Standorte der Kultstätten der Vorbewohner häufig übernommen und umgestaltet.

Öffentliche Gebäude erfuhren in der griechischen Stadt hinsichtlich der architektonischen Gestaltung eine deutlich höhere Bedeutung als Gebäude privater Nutzung. Die Säulenarchitektur als charakteristisches Element der öffentlichen Gebäude spiegelte die in der griechischen Gesellschaft der Antike intendierte Transparenz öffentlicher und staatlicher Aspekte des gesellschaftlichen Lebens wieder.
Das Gymnasion als Bildungsstätte, das Theater sowie das Stadion befanden sich in der griechischen Stadt der Antike meist nicht an zentralen Standorten. Sie lagen eher abgelegen, allerdings noch innerhalb der Stadtmauer.

Als Beispiel für den frühgriechischen Stil des Städtebaus soll hier in Abbildung 2 die Stadtanlage von Olympia gezeigt werden. Sehr gut läßt sich erkennen, wie stark die städtebauliche Gestaltung auf den Menschen als Betrachter ausgerichtet war. Beim Eintritt durch das Haupttor der Stadt fielen dem eintretenden Besucher alle zentralen öffentlichen Gebäude der Stadt direkt ins Betrachtungsfeld.

Abb. 2: Skizze der frühgriechischen Stadt Olympia
Abb.2
Quelle: Jürgen Hotzan 1994: dtv-Atlas zur Stadt, S. 24, verändert

Der späte Stil des griechisch-antiken Städtbau, nach dem Städtebauer Hippodamos auch hippodamischer Stil benannt, wurde mit den Rückeroberungen nach den Perserkriegen (500 bis 479 v. Chr.) eingeleitet. Die sich anschließende Wiederentfaltung griechischer Kultur fand auch im Wiederaufbau der durch die Perser zerstörten Städte ihren Ausdruck. Anstatt eines einfachen Wiederaufbaus der ehemals bestehenden Gebäude fanden jedoch erstmals vor allem von Hippodamos entwickelte gesamtplanerische Konzepte zur Stadtgestaltung ihre bauliche Umsetzung. Charakteristisch war dabei vor allem eine feste Zuweisung einzelner Nutzungen zu städtischen Teilgebieten sowie erstmals eine Grundrißgestalt des städtischen Straßennetzes in Form eines Rechteckmusters (Schachbrettgrundriß).
Die Stadtmauer umfaßte häufig ein weit größeres Areal als die eigentlichen bebauten Flächen der griechischen Stadt. Bei ihrer Errichtung bediente man sich auch topographischer Elemente, wie sehr gut bei einer Betrachtung der Anlage der Stadt Knidos erkennbar ist.

Abb. 3: Grundriß der Stadt Knidos
Abb.3
Quelle: Jürgen Hotzan 1994: dtv-Atlas zur Stadt, S. 24, verändert

Römerstädte

Mit dem Aufstieg des römischen Reiches seit dem 3. Jh. v. Chr. ging in den durch die Römer besetzten Gebieten die Gründung von Tausenden von Städten römischen Zuschnittes einher. Diese dienten ohne Zweifel auch zur Manifestierung des römischen Herrschaftsanspruches in den entfernt gelegenen Provinzen. Für den deutschsprachigen Raum können hier als Beispiele römischer Stadtgründungen unter anderem die Städte Köln, Mainz und Trier, aber auch kleinere Römerstädte wie Andernach, Xanten oder auch Remagen genannt werden.
Verbunden mit den zahlreichen Stadtgründungen durch die Römer war die räumliche Ausbreitung der für die römische Stadt typischen Architekturelemente. Eine weitgehend einheitliche regelmäßige Struktur der Flurformen, der Straßen, jeweiliger Hafenanlagen sowie die berühmten römischen Aquädukte sind nur einige der Kennzeichen für den römischen Städtebau der folgenden 500 Jahre.

Das römische Castrum (lateinisch: Kriegslager, Feldlager) war für den Grundriß sämtlicher Stadtgründungen im römischen Herrschaftsgebiet maßgebend. Grundrißform war dabei ein Quadrat oder Rechteck, wobei die vier Seiten nach den Haupthimmelsrichtungen ausgerichtet waren. Das römische Forum sowie andere öffentliche Gebäude lagen in der Regel am Schnittpunkt der beiden im rechten Winkel zueinander verlaufenden Hauptachsen römischer Stadtanlagen.

Abb. 4. Römerstadt Venta Silurum
Abb.4
Quelle: Jürgen Hotzan 1994: dtv-Atlas zur Stadt, S. 26

Bei der Anordnung der Nebenstraßen wurde das bereits aus griechischer Zeit bekannte Schachbrettmuster weitgehend übernommen und in Parallelität zu den Haupachsen eingefügt. Die dort angesiedelten Privatbauten waren allerdings in stärkerem Maße baurechtlichen Bestimmungen unterworfen als dies im griechischen Städtebau der Fall gewesen war. Stilistisch war das römische Atriumhaus vorherrschender Gebäudetyp, dessen Grundstruktur in weiten Teilen Südeuropas bis heute überdauert hat.


Mittelalter

Die tiefgreifenden demographischen, sozialen, technologischen und ökonomischen Veränderungen, welche sich seit dem frühen Mittelalter nach dem Niedergang des römischen Reiches abzuzeichnen begannen, sollten sich auch in den stadtgestalterischen Merkmalen der zukünftigen Jahrhunderte niederschlagen. Ausgelöst durch ein beträchtliches Bevölkerungswachstum kam es zur damaligen Zeit zu einer großen Zahl von Stadtgründungen mit zunehmender Arbeitsteilung innerhalb der städtischen Bevölkerung. Die Zahl der deutschen Städte stieg von etwa 40 im 9. Jahrhundert auf über 3000 im 14. Jahrhundert an. (Seraphim, P.H.: 1962) Ermöglicht wurde dieser Prozeß durch zahlreiche agrartechnologische Neuerungen (u.a. Dreifelderwirtschaft, Pferde statt Ochsen als Zugtiere, Wassermühlen), die eine entsprechende Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft zur Folge hatte, wodurch die Versorgung der zahlenmäßig wachsenden Bevölkerung der Städte gesichert wurde. Dabei darf nicht übersehen werden, daß bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts hinein ein beträchtlicher Teil der Stadtbürger in den meist recht großen Stadtgemarkungen selbst Ackerbau und Viehhaltung betrieb.

Das Handwerk sollte sich allmählich zu einem eigenständigen Wirtschaftsbereich aus der Landwirtschaft herauslösen und zu einem festen - rechtlich manifestierten - Bestandteil städtischer Gesellschaften werden. In diesem Zusammenhang ist auf die Bedeutung der Zünfte für die Struktur und Entwicklung der mittelalterlichen Städte hinzuweisen. Eine Zunft war eine im lokalen Rahmen der Stadt organisierte Vereinigung von Handwerksmeistern. Voraussetzung für die Mitgliedschaft in einer solchen Zunft war der Erwerb des Bürgerrechts. In ihren Gründungsurkunden erhoben die Zünfte den Zunftzwang, welcher vor allen Dingen Schutz gegen Konkurrenz innerhalb und außerhalb der Stadt bot. Gleichzeitig garantierten die Zünfte ihren Mitgliedern bei individueller Not Nahrungssicherung sowie weitreichende rechtliche und politische Unabhängigkeit gegenüber den Patrizierräten. Zunft und Handwerk eröffneten damit nicht allein eine ökonomische Existenzsicherung für breitere Schichten der Bevölkerung, sondern viel mehr auch kulturelle und soziale Identität, berufliche Bildung sowie religiöse Gemeinschaft und politische Aktivität (Engel 1993, S. 142-173).

Abbildung 5: Segregation der Handwerkszünfte im mittelalterlichen Kiel
Abb.5
Quelle: Landgraf, H. 1959, S. 80

Wie auch in Abbildung 5 anhand der Straßennahmen ersichtlich, segregierten sich in der mittelalterlichen Stadt häufig einzelne Zünfte in unterschiedlichen Stadtvierteln. Besondere Produktionsvoraussetzungen und Begleiterscheinungen (z.B. Emissionen) eines Handwerks konnten zur Konzentration aller Betriebe einer Zunft in einer Straße führen. Dies betraf insbesondere die Färber- und Gerberbetriebe, die auf fließend Wasser angewiesen waren, von der Geruchsbelästigung für andere Bevölkerungsteile ganz zu schweigen. Neben diesen technischen Gründen waren es aber häufig auch soziale Differenzierungen zwischen den einzelnen Handwerksbereichen, die zu einer Viertelbildung innerhalb der mittelalterlichen Stadt beitrugen (Engel 1993, S. 142-143).

Hinsichtlich der Siedlungsplätze der mittelalterlichen Städte kam es teils zu einer Überformung ehemals römischer Siedlungen, größtenteils allerdings aufgrund des starken Wachstums zu Neugründungen.

Die europäische Stadt des Mittelalters war insbesondere durch den zunehmend rechtlich manifestierten Gedanken der Bürgerstadt gekennzeichnet. Die Bürger einer jeden Stadt verfügten demnach über eine ganze Reihe von Sonderrechten gegenüber der nicht städtischen Bevölkerung. Zu nennen sind hier das Marktrecht, das Zollrecht, das Recht auf Münzprägung sowie zumindest eine niedere Gerichtsbarkeit. Dabei wurden vor allem Kaufleute und Gewerbetreibende zur tragenden Bevölkerungsschicht mittelalterlicher Städte (Engel 1993, S. 55 f.).
Als Beispiel einer typischen mittelalterlichen Stadt soll hier in Abbildung 6 die Stadt Brügge gezeigt werden.

Abbildung 6: Brügge in einem Stich von Guicciardi aus dem Jahre 1567
Abb.6
Quelle: Benevolo, L. 1993, S. 82

Äußeres Abgrenzungskriterium dieses Rechtsverständnisses war als städtebauliches Merkmal die Stadtmauer einer jeden Stadt. Da der Bau einer solchen Befestigungsanlage einen erheblichen Kostenaufwand darstellte, war man häufig geneigt, diese möglichst kurz zu halten, was die kompakten, rundlichen Formen erklärt. Das mußte jedoch mit wachsender Bevölkerung der Städte die Folge haben, daß das städtische gesellschaftliche Leben durch eine ausgeprägte Enge der Wohn- und Wirtschaftsverhältnisse gekennzeichnet war oder die Befestigungsanlage erweitert werden mußte.

Die Mehrzahl der Bauten mittelalterlicher Städte war aus Holz gebaut, was größere Brandgefahren mit sich brachte (Engel, E. 1993, S. 89). Die einzigen Steinbauten waren als kennzeichnendes Element fast aller mittelalterlichen Städte die Kirche, das Rathaus und gegebenenfalls wenige Häuser wohlhabenderer Familien, die sich in aller Regel um den zentral gelegenen Marktplatz konzentrierten.

Trotz der genannten Gemeinsamkeiten mittelalterlicher Städte lassen sich jedoch auch zahlreiche Unterschiede ausmachen. Im Grundriß weisen die mittelalterlichen Städte eine überaus große Formenvielfalt auf. Einheitliche Baustile gab es kaum. Als Grundrißtypen lassen sich in erster Linie die in Abbildung 7 dargestellten Formen anführen.

Abbildung 7: Mittelalterliche Stadtgrundrißtypen
Abb.7
Quelle: Jürgen Hotzan 1994: dtv-Atlas zur Stadt, S. 30

Die Ursachen der Unterschiedlichkeiten mittelalterlicher Städte liegen zum einen in dem jeweiligen sozialkulturellen Typ der Gründungsväter sowie in der zunächst jeweils dominierenden ökonomischen und politischen Funktion der neu entstehenden Städte.
Es lassen sich vor allem die folgenden funktionalen und historischen Grundtypen der mittelalterlichen Stadt herausstellen:

  1. Zunächst sind die Klostergründungen verschiedener Orden im Zuge der fortschreitenden Christianisierung West- und Mitteleuropas anzuführen, die dann später teilweise zu Bischofssitzen wurden und zunehmend freie sowie abhängige Gefolgsleute der Kirche an sich zogen. In der Hochblüte des Mittelalters wurden hier die gotischen Dome und Münster als Stadtkirchen errichtet. Insbesondere die Stadtgründungen der wirtschaftlich aktiven Orden übernahmen zunehmend auch die Funktion eines Marktortes (Engel, E., S. 104 f.)
  2. Die kaiserlichen Pfalzen und fürstlichen Siedlungen zur Manifestierung jeweiliger Machtansprüche fungierten als Orte der Rechtsprechung und Verwaltung. Diese Gründungen zogen allerdings zunehmend auch andere Funktionen an. Immer mehr Handwerksleute und Händler begaben sich in den Schutz dieser weltlichen Herrschaftszentren. Als Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum seien hier Esslingen oder auch Heilbronn genannt (Lichtenberger, E. 1986, S. 42).
  3. Die im achten und neunten Jahrhundert im Nord- und Ostseeraum gegründeten "Wik"-Orte der Wickinger bzw. Normannen bauten in den folgenden Jahrhunderten ihre Funktion als Marktsiedlungen noch weiter aus. Beispielhaft genannt seien hier die Städte Braunsc hweig an der Oker, Bardowick bei Lüneburg oder Wexford in Irland und die Stadt Hildesheim, die im Jahre 834 zunächst von den Normannen zerstört wurde. Der Usprung der Bezeichnung "Wik" ist umstritten. Manche Autoren sehen seinen Ursprung in dem lateinischen Wort vicus = das Markt-Dorf. Andere Autoren leiten diese Siedlungsbezeichnung weit allgemeiner von dem indogermanischen Wortstamm "wik" oder "weik" = Ansiedlung ab und verweisen auf die Gründung dieser Siedlungen durch Wikingerische bzw. friesische Handwerkskaufleute (Hofmeister, B. 1980, S. 37).
  4. Die Ackerbürgerstädte entstanden in aller Regel aus freien Meierhöfen, denen das Recht der Steuereintreibung zugesprochen worden war, was auch hier entsprechende wirtschaftliche Wachstumsimpulse auslöste. Andere Ackerbürgerstädte gingen aus Dörfern mit verliehenem Marktrecht hervor, was auch hier eine zunehmende Arbeitsteilung begünstigte. Dabei verließen in der Regel die Bewohner mehrerer benachbarter Dörfer ihren angestammten Siedlungsplatz und siedelten in die neugegründete Ackerbürgerstadt über (Engel, E. 1993, S. 264).
  5. In der spätmittelalterlichen Phase (14. und 15. Jahrhundert) kam es noch zu einer Reihe von Stadtgründungen des niederen Adels, den sogenannten Minderstädten (Lichtenberger 1991, S. 43). Hier handelte es sich um Neugründungen mit allerdings zunächst eingeschränkten Stadtrechten oder aber auch um Dörfer, die zu Städten erhoben wurden, wie beispielsweise Höxter oder Soest. Im Laufe der Zeit wurden dann ackerbürgerliche Wirtschafts-, Gesellschafts- und Rechtsformen - zumal in Südwestdeutschland in den Landschaften an Rhein, Main, Neckar, Mosel und Lahn - auf zahlreiche Großdörfer übertragen, was zur Entstehung von Ackerbürgerdörfern mit einer bürgerlichen Ausformung von Wirtschaftsweise, Rechtsordnung und Siedlungsgestaltung führte (Hotzan, J. 1994 , S.33).


Renaissance

Die sich bereits im 14. und 15. Jahrhundert abzeichnende Krise der mittelalterlichen Städte sollte sich in der Folgezeit zunächst weiter fortsetzen. Die Ursachen dieses Bedeutungsverlustes der mittelalterlichen Stadt waren vielfältig. Zahlreiche Städte waren durch Kriege in Mitleidenschaft gezogen worden. Für den deutschsprachigen Raum ist hier insbesondere auf die verheerenden Folgen des 30jährigen Krieges hinzuweisen. Hinzu kamen regelmäßige Dezimierungen weiter Teile der Stadtbevölkerung durch Pest-Epidemien.

Die große Zeit der Stadtgründungen war weitgehend abgeschlossen. Die Renaissance und als deren geisteskulturelle Grundlage der Humanismus verbreiteten sich von Italien ausgehend über Europa. Das damit veränderte Menschenbild sowie zahlreiche wissenschaftlich-technische Neuerungen sollten sich alsbald auch in neuen architektonischen und städtebaulichen Ideen niederschlagen. Die Entdeckung der perspektivischen Darstellung um das Jahr 1400 beeinflußte nicht nur die Malerei, sondern revolutionierte auch den Städtebau. (Benevolo, L. 1993, S. 108 f.) Genauso wie damit das jeweils Dargestellte stärker in die Perspektive des Betrachters rückte, wurde auch die Erde weit stärker als vom Menschen gestaltete Umwelt verstanden. Faktoren der Standortwahl, der Stadtgröße, der Grundrißgestaltung, der Sicherheit und Funktionalität sowie gleichzeitig der Ästhetik sollten in Anlehnung an die Antike wieder stärker Berücksichtigung im Städtebau der Renaissance finden. Italienische Architekten und Baumeister legten in der Folgezeit unterschiedliche Idealstadt-Entwürfe vor. Beispielhaft sollen hier in Abbildung 8 zwei Entwürfe von Francesco di Giorgio Martin gezeigt werden, in denen sich mit dem zentralen Straßenkreuz und dem Schachbrettgrundriß zwei wichtige Grundrißelemente der antiken Stadt wiederfinden.

Abbildung 8: Entwürfe zweier Renaissance-Städte von Francesco di Giorgio Martin, niemals verwirklicht
Abb.8
Quelle: Hotzan 1994: dtv-Atlas zur Stadt, S. 36

Absolutismus

Der weitgehend unumschränkte Herrschaftsanspruch der absolutistischen Herrscher des Barock findet sich auch in den städtischen Grund- und Aufrißelementen dieser Epoche wieder. Mit der Entwicklung des Merkantilismus war in der Folgezeit die Schaffung neuer Verwaltungszentren in räumlicher Nähe zum fürstlichen Hof notwendig geworden. Adel, Beamtentum und Offiziere waren an die fürstlichen Höfe gezogen und prägten nun mehr und mehr die städtische Gesellschaft. Die Bürgergemeinde der mittelalterlichen Stadt wurde zunehmend aufgelöst. Es entstand als neuer Stadttyp die Residenzstadt des absolutistischen Flächenstaates. Ihre Residenzen planten die absolutistischen Fürsten häufig außerhalb bereits bestehender Städte, wobei bei der Planung und dem Bau solcher absolutistischen Residenzen nicht selten über bestehende Bodeneigentumsrechte hinweggegangen wurde. Als Beispiele können hier Versailles, Schönbrunn und Potsdam genannt werden. Typisches Merkmal ist zunächst die Orientierung der Bauten entlang einer Hauptachse. Am Beispiel Karlsruhes in Abbildung 10 ist sehr gut zu erkennen, wie die gesamte Stadtanlage in ihrem Grundriß auf das fürstliche Schloß ausgerichtet war. Auch darin kam der absolute Herrschaftsanspruch des Fürsten deutlich zum Ausdruck (Hotzan, J. 1994).

Abbildung 9: Grundriß der fürstlichen Anlage zu Karlsruhe
Abb.9
Quelle: Hotzan 1994: dtv-Atlas zur Stadt S. 38

Industriestädte des Liberalismus

Mit dem Aufkommen der geisteskulturellen Strömungen der Aufklärung und des Liberalismus sowie als Folgewirkung realpolitischer Ereignisse (Unabhängigkeitserklärung Amerikas, Französische Revolution) brach im Verlaufe des 18. Jahrhunderts die Macht der absolutistischen Herrscher zusammen. Jean Jacques Rousseau (1712 - 1778) entwickelte das Bild von einem Staat als einem "Gesellschaftsvertrag freier Individuen". Adam Smith als Begründer der klassischen Nationalökonomie förderte zusammen mit seinen Schülern den Übergang vom Merkantilismus zum marktwirtschaftlichen Liberalismus (Hotzan, J. 1994). Weiterhin sollten zahlreiche technologische Fortschritte eine steigende Industrieproduktivität zur Folge haben, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts in Großbritannien ihren Anfang fand. Hinzu kam ein durch verbesserte hygienische Verhältnisse bedingtes und in seinen Ausmaßen bis dahin unbekanntes Bevölkerungswachstum, welches gemeinsam mit der Wanderung der Menschen von Dörfern in städtische Agglomerationen mit besseren Verdienstmöglichkeiten zu einen enormen Bevölkerungsdruck in den Städten führte. Die Bauernbefreiung brachte nicht nur positive (agrar)wirtschaftliche Entwicklungseffekte aufgrund vorher nicht gekannter persönlicher Freiheiten mit veränderten Grund- und Eigentumsrechten, sondern hatte auch ein neues Ausmaß an Mobilität der Bevölkerung zur Folge (Benevolo, L. 1993, S. 184 f.).

Mit dem aufgezeigten geistigen, sozialen und wirtschaftskulturellen Wandel seit dem 18. Jahrhundert verloren auch die städtebaulichen Gestaltungsprinzipien des Mittelalters und des absolutistischen Zeitalters mehr und mehr an Gültigkeit.

Während im Mittelalter Wohn- und Arbeitsstätten beinahe ausschließlich unter einem Dach bestanden, kam es nun zur Gründung und Errichtung zahlreicher neuer Produktions- und Arbeitsstätten außerhalb des eigentlichen Stadtgebietes entlang größerer Ausfallstraßen oder entlang vorhandener Wasserwege. Dabei kam es zunächst häufig zu einem "städtebaulichen Wildwuchs": In Fußgängerdistanz zu diesen Fabrikanlagen entstanden für die zuwanderende Bevölkerung teils geplant, teils ungeplant zahlreiche Arbeitersiedlungen unterschiedlicher Qualität (vgl. Abbildung 10). Wiederum räumlich davon getrennt wurden die Wohnstandorte für wohlhabendere Bevölkerungsteile errichtet. Beim Eintritt in eine idealtypische Stadt des 19. Jahrhunderts durchquerte man zunächst die noch stärker landwirtschaftlich geprägten Vororte, traf dann auf meist im Westen der Städte gelegene Villenvororte (wegen eventueller Emissionen in vergleichsweise großer Entfernung zu den Fabrikanlagen errichtet), um dann auf die Industrieviertel mit sich anschließenden Arbeiterquartieren zu stoßen (Schoeller 1985, S. 304).

Abbildung 10: Außenbezirk der Industriestadt Preston
Abb.10
Quelle: Kostof, S. 1995, S. 52

Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden neue technische Lösungen für die immer bedeutsamer werdenden innerstädtischen Verkehrsströme entwickelt. Der Bau von S- und U-Bahnen als öffentliche Verkehrsmittel ermöglichte eine zunehmende Trennung der Funktion en Wohnen und Arbeiten im Stadtraum.
Neben dem Bau dieser öffentlichen Verkehrsmittel ist hinsichtlich der innerstädtischen Verkehrsplanung des ausgehenden 19. Jahrhunderts weiterhin anzuführen, daß die im Zuge der Industrialisierung sprunghaft gewachsenen und damit zum Teil nur noch schwer durchdringbaren Stadträume zahlreicher europäischer Großstädte deren verkehrstechnische Neuerschließung unbedingt notwendig gemacht hatten. Noch heute sind diese Städte durch sehr weitläufige Verkehrsachsen geprägt, mittels derer man zur damaligen Zeit eine neue Zugänglichkeit weiter Stadträume erwirken wollte (Benevolo 1993, S. 208). Die Stadt Barcelona stellt dabei, wie in Abbildung 11 zu erkennen ist, ohne Zweifel ein sehr gutes Beispiel dar.

Abbildung 11:
Abb.11

Städtebau der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts

Die Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit der zahlreichen städtebaulichen und architektonischen Stilrichtungen dieses Jahrhunderts aufzuzeigen, würde den Rahmen dieser Abhandlung sprengen.
Seit der Jahrhundertwende ist jedoch eine zunehmende Polarisierung des Städtebaus zwischen dem an den technischen Städtebau des 19. Jahrhunderts anschließenden Urbanismus einerseits und einer antiurbanen Stilrichtung andererseits eindeutig festzustellen.

Kennzeichen städtebaulicher Konzeptionen des Urbanismus sind geschlossene Bebauung, häufig gerasterte Grundrißgestaltung und ein hoher Überbauungsgrad mit enormen Einwohnerdichtewerten. Beispielhaft gezeigt werden kann hier in Abbildung 12 ein Entwurf von Otto Wagner für den 22. Wiener Bezirk aus dem Jahre 1911.

Abbildung 12: Der 22. Wiener Bezirk nach dem Entwurf von Otto Wagner aus dem Jahre 1911
Grafik11
Quelle: Lichtenberger 1987, S. 182

Der Grundgedanke des Urbanismus, das Bekenntnis zur großen und dichten Stadt, überdauerte auch die beiden Weltkriege bis hin zu den städtbaulichen Leitbildern der 60er und 70er Jahre. Besonders erwähnt werden soll hier für die 20er und 30er Jahre die Stilrichtung des "Bauhauses". Von seinen Vertretern in der Architektur wurden unter anderem Beiträge zur Entwicklung des standardisierten Wohnungsbaus geliefert, wobei im Unterschied zu früheren Konzeptionen des Urbanismus zunehmend Gedanken der Sozialpolitik (wieder) in städtebauliche Konzepte und in die architektonische Gestaltung der Wohnungsbauten einflossen. Erinnert sei hier nur an die sogenannte "Frankfurter Küche" in den Reihenhaussiedlungen des Architekten Ulrich Mai als gleichsam erste Einbauküche. Grundlegende Stilelemente des Bauhauses fanden ihre Fortsetzung auch in die Plattenbausiedlungen sozialistisch geprägter Staaten Osteuropas wie aber auch im standardisierten Wohnungsbau zahlreicher südeuropäischer Staaten. Dort wurden sie als Antwort auf einen durch die erst spät einsetzende Industrialisierung initiierten Bevölkerungsdruck gebaut.

Der Sprung zum utopistischen Städtebau wurde insbesondere durch den französischen Architekten Le Corbusier vorangetrieben, dessen Grundideen sich noch in zahlreichen aktuellen städtebaulichen Entwürfe wiederfinden lassen. In seinem Entwurf der "ville contamporaine"(Abbildung 13), die für etwa 3 Millionen Einwohner geplant war, lassen sich diese deutlich erkennen. Charakteristisch ist die klare Trennung unterschiedlicher Flächennutzungskategorien. Le Corbusier kreierte erstmals eine zentralgelegene Hochhauscity mit einer großen Zahl an 50- bis 60stöckigen Bürobauten, umgeben von etwa achtstöckigen freistehenden Wohnbauten. Außerhalb dieser stark urbanen Elemente seines Entwurfes wollte Le Corbusier jedoch eine lockere Bebauung gartenstadtähnlicher Einzelhausbebauung verwirklicht wissen. Hinsichtlich der Wohndichte schreckte Le Corbusier vor Dichtewerten von etwa 30.000 Einwohnern pro Quadratkilometer keineswegs zurück.

Abbildung 13: Le Corbusier: La ville contemporaine, 1934
Abb.13
Quelle: Lichtenberger 1991, S. 182

Als stilistischer Gegenpol zum urbanistischen Städtebau des 20. Jahrhunderts ist insbesondere die Gartenstadtidee anzuführen. Räumlich hatte diese ihren Ursprung zunächst in Großbritannien und erfaßte bereits in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts als Gegenbewegung zum Urbanismus weite Teile des Städtebaus Nordwesteuropas.
Als wichtiger Vertreter dieses Stils ist E. Howard zu nennen. Seine Idee der Town-Countries sollte die Vorteile des intensiven "Stadtlebens" mit der "Schönheit des Landlebens" in Einklang bringen. Die von ihm projektierten Siedlungen sollten voll funktionsfähige Städte mit allen notwendigen Versorgungseinrichtungen hinsichtlich Gütern und Dienstleistungen sowie hinsichtlich der Infrastruktureinrichtungen darstellen.

Abbildung 14: Die Gartenstadtidee
Abb.14
Quelle: Leister 1970

Gestalterisch sollte allerdings, wie in Abbildung 14 gut zu erkennen, die offene Einzelhausbebauung - durchzogen mit zahlreichen Grünzügen - vorherrschendes Element der Gartenstädte sein. Grundelemente des Gartenstadtgedankens wurden in Deutschland im Massenwohnungsbau der 20er und 30er Jahre verwirklicht. Als Beispiel sei hier die Krupp'sche Werkssiedlung in Essen genannt.


Städtebau in Deutschland nach 1945

Nach 1945 schienen die umfangreichen Zerstörungen des zweiten Weltkrieges in Deutschland die lockende Chance und große Gelegenheit eines städtebaulichen Neuanfangs zu bieten.
Zunächst kam es zu einer Neuauflage der Kritik an der Stadt des 19. Jahrhunderts. Bei weitgehender Übereinstimmung in der Ansicht, daß die Städte der Industrialisierung auch unter verkehrlichen Gesichtspunkten vom Standpunkt der Moderne weitestgehend veraltet waren, zeigten sich die für die Zukunft entwickelten städtebaulichen Planungsentwürfe sehr vielgestaltig.
Neben der Unklarheit über die eigentlichen baulich-stilistischen Gestaltungsprinzipien zukünftigen Städtebaus bestanden auch wenige und unsichere Vorstellungen zur zukünftigen funktionalen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der zerstörten Städte.

Trotz der Vielgestaltigkeit der Planungsentwürfe lassen sich jedoch einige Planungsprinzipien herausstellen, die für die Zeit des Wiederaufbaus kennzeichnend waren. Im Osten wie im Westen Deutschlands sah man weitgehend die Chance und Notwendigkeit, die Städte zu dezentralisieren und dazu neue Infrastruktureinrichtungen zu schaffen. Dabei kam der Planung und dem Bau von breit angelegten Straßen für den PKW als verkehrstechnischen Hoffnungsträger eine zentrale Rolle zu. Als einen charakteristischen Planungsentwurf für die städtebaulichen Konzeptionen der Nachkriegsjahre sei hier in Abbildung 15 der sogenannte "Kollektivplan" für Berlin gezeigt, der 1946 von Hans Scharoun, dem damaligen Leiter der Abteilung Bau und Wohnungswesen des Berliner Magistrats vorgelegt wurde. Eine Lockerung der Bausubstanz war durch die Kriegszerstörungen vorgegeben. Als Gliederungselement des Stadtraums war ein Netz von breit ausgebauten Verkehrsachsen sowie ausgedehnten Grünzüge vorgesehen. Diese Gliederung der Wohngebiete (als "Wohnzellen" bezeichnet) sollte das Wohnen in überschaubaren Nachbarschaften ermöglichen. Die Wohndichte sollte möglichst einheitlich sein, allerdings auf einem deutlich niedrigeren Niveau als vor dem Krieg. Das Konzept der "Mietskasernen" wurde dementsprechend weitgehend abgelehnt.

Als weiteres kennzeichnendes Merkmal sollten sich Industrie, Wirtschaft und Verwaltung in deutlicher Trennung von den Wohnstandorten auf ein bandartiges Areal entlang der Spree konzentrieren.

Abbildung 15: Der "Kollektivplan" von Hans Scharoun aus dem Jahre 1946
Abb.15
Quelle: Bodenschatz 1992, in: Neue Städte aus Ruinen, S. 63

Die zunächst hoch gesteckten Ziele des modernen Städtebaus sollten sich allerding sowohl in Berlin, wie auch in zahlreichen anderen deutschen Städten nicht durchsetzen lassen. Neben dem teils fehlenden politischen Willen bestand ein limitierender Faktor in der häufig noch bestehenden und zum großen Teil noch intakten tiefbaulichen Infrastruktur, welche die Realisierung mancher Planungsentwürfe zu kostspielig gemacht hätte. Die von der städtebaulichen Moderne bevorzugten und auch in der Charta von Athen manisfestierten Schemata der räumlichen Gliederung sowie der Nutzungstrennung waren nicht in allen Städten anwendbar gewesen. Sie fanden ihre konsequente Durchsetzung letztlich weniger beim eigentlichen Wiederaufbau als vielmehr bei Neubautätigkeit am Stadtrand sowie in einigen Großstädten. Besonders in Klein- und Mittelstädten wurden die alten Grundrißformen in aller Regel beibehalten, von Eingriffen im Interesse der Verkehrsplanung abgesehen.


Schlußwort

Mit dem Verlauf des fortschreitenden kultur-, wirtschafts-, und sozialgeschichtlichen Wandels änderten sich in der europäischen Geschichte auch die Siedlungsziele und Siedlungszwecke der Menschen. Diese erforderten je nach kultureller und erwerbswirtschaftlicher Prägung und Orientierung der Siedler unterschiedliche Gestaltungen städtischer Siedlungen in Form ihres Grund- und Aufrisses. Damit wird schließlich offensichtlich, daß auch heute vom Menschen entwickelte und realisierte Planungsvorstellungen zur Gestaltung städtischer Siedlungen allenfalls Ausdruck aktueller kulturspezifischer Nutzungsansprüche als Bestandteil menschlichen Sozial- und Wirtschaftsverhaltens sein können und wiederum ihre Ablösung durch zukünftig entwickelte Gestaltungsvorstellungen zu städtischen Grund- und Aufrißformen finden werden.

[mh]


Literatur zu diesem Kapitel: