Die Stadt - Definition, Terminologie und Klassifikation

Dieses Kapitel wurde als Seminararbeit von Frau Katrin Fischer erstellt. Da dieser Text das bisher fehlende, einleitende Kapitel zur Stadtgeographie in Umfang und Qualität genau ausfüllt, wurde er in leicht veränderter Form und mit Zustimmung der Autorin in das Skript eingefügt.

1. Einleitung

In allen Kulturräumen der Erde heben sich unter den Siedlungen einige durch ihren besonderen Charakter und ihre Bedeutung hervor - die Städte. Stets haben sie die jeweilige Gesellschaftsordnung und das jeweilige wirtschaftliche System wiedergespiegelt. Als Konzentrationspunkte menschlicher Aktivität sind Städte aber auch maßgeblich an wirtschaftlicher und kultureller Entwicklung der Gesellschaft beteiligt gewesen und der Begriff »Stadt« erscheint allgemein verständlich und bedarf keiner weiteren Erklärung.
Weder Bewohnern ländlicher noch städtischer Siedlungen fällt es schwer, Merkmale von Städten, wie z.B. große Bevölkerungszahl, gute Einkaufsmöglichkeiten, Theater, Universitäten u.a.m. zu nennen.
Doch ist dieses allgemeine Verständnis des Begriffs »Stadt« sehr unterschiedlich und die Frage nach einer eindeutigen Definition ist aufgeworfen.

2. Problem einer eindeutigen Definition

Den Versuch, eine eindeutige allgemeingültige Definition des Begriffs Stadt zu geben, haben viele Wissenschaften in unterschiedlichen Epochen unternommen. Diese Definitionen müssen aufgrund beachtlicher Unterschiede in den verschiedenen Kultur-, Sozial- und Wirtschaftsräumen der Erde und in Abhängigkeit von der jeweiligen Wissenschaftsdisziplin entsprechend unterschiedlich ausfallen und auch bei den nur von Geographen formulierten Begriffserläuterungen gibt es beachtliche Unterschiede.

So formulierte RATZEL folgende These, nach der Städte eine dauernde Verdichtung von Menschen und menschlichen Wohnstätten, die einen ansehnlichen Bodenraum bedecken und im Mittelpunkt größerer Verkehrswege liegen und zieht auch die wirtschaftliche Seite hinzu, wenn er später betont zu Städten werden solche Zusammendrängungen erst, wenn sie eine gewisse Größe überschreiten und wenn sie eben deswegen nicht mehr in der Lage sind, sich unmittelbar von ihrem Boden zu ernähren, wodurch dann die Verkehrswege nötig werden.
Ferdinand von Richthofen bezeichnet eine Stadt kurz als Sitz von Handel und Gewerbe und unterstreicht ihre unlösbare Verknüpfung mit dem Verkehr. In Abhängigkeit von dem zu analysierenden Aspekt in der Stadtgeographie und dem Interesse des Geographen fallen Definitionsversuche recht unterschiedlich aus, so daß also verschiedene Regionaldefinitionen existieren, d.h. Definitionen, die nur für ein Gebiet zu einer bestimmten Zeit gültig sind.

Erkennbar wird dieses Definitionsproblem auch, wenn man versucht, »Stadt« in andere Sprachen zu übersetzen. So ist z.B. die Bedeutung des eingedeutschten Begriffes »city« eine andere als die des englischen »city«.

Dieses Definitionsproblem wird im Laufe dieser Darstellung immer wieder aufgegriffen werden, wie etwa im folgenden Abschnitt, in dem der historische Stadtbegriff als ein erster Erklärungsansatz eingeführt werden soll.

2.1. Der historische Stadtbegriff

Ausgehend von dem vorindustriellen Stadtbild Europas, also der mittelalterlichen Stadt, entstand der historische Stadtbegriff. Im Mittelalter wurde Gemeinden bei entsprechenden Voraussetzungen der Stadttitel verliehen, was die Zuerkennung bestimmter Stadtrechte miteinschloß, z.b. das Marktrecht, das Recht auf Selbstverwaltung, die Freiheit der Stadtbürger, »Stadtluft macht frei.«, das Recht auf Besteuerung, Gerichtsbarkeit, die Aufhebung der Leibeigenschaft, das Zollrecht, und das Recht zur Einfriedung und Verteidigung. Durch das zuletzt erwähnte Stadtrecht wurde die scharfe Trennung zwischen Stadt und Umland verdeutlicht und die Einfriedung (meist als Stadtmauer) gilt als eines der drei räumlichen Kriterien, nach dem eine Gemeinde im heutigen statistischen Sinn eine Stadt im historischen Sinn ist.

Die drei Kriterien zur Einordnung einer Siedlung bezogen auf äußerliche Merkmale unter den Begriff »Stadt« im historischen Sinn sind:

  1. Es gibt eine Mauer um die Stadt, mit der die Ganzheit und der Zusammenhalt der Gemeinschaft sowie deren Abwehr gegen äußere Einflüsse betont wird.
  2. Es existiert ein Straßenkreuz oder ein Marktplatz als Schnittpunkt von Handel und Kultur, sowie als Orientierung der Stadt um einen Mittelpunkt.
  3. Die Stadt ist geviertelt, wie schon im Schema des römischen Castrums zur militärisch - administrativen Gliederung der Stadt erkennbar.
Schema der römischen Stadt
Abb.1 Symbolik des historischen Stadtbegriffs (LICHTENBERGER, 1991:35)

Im Zuge von Industrialisierung und administrativen sowie politischen Reformen Anfang des 19. Jahrhunderts verloren viele Titularstädte (Städte mit Stadtrecht im obigen Sinne) an Bedeutung, z.B. durch den Abzug von Behörden und den Rückzug von Handwerk und Handel. Da dieser Bedeutungsverlust aber nicht automatisch zur Aberkennung des Stadttitels führte, gibt es heute in der Bundesrepublik viele Gemeinden, die als Städte gelten, jedoch weder eine städtische Formenwelt aufweisen noch städtische Funktionen ausüben. Ein weiterer, in seiner Aussagekraft ähnlich eingeschränkter Stadtbegriff ist der statistische, der nachstehend näher erläutert werden soll.

2.2. Der statistische Stadtbegriff

Mit Hilfe des statistischen Stadtbegriffs sollen ländliche Siedlungen von Städten abgegrenzt werden. Dazu wurde auf dem Statistischen Kongreß 1860 in London die Vereinbarung getroffen, daß alle Gemeinden mit über 2.000 Einwohnern fortan als Städte gelten. Diese Regelung ist grundsätzlich noch heute gültig, doch ist diese Einteilung aufgrund erheblichen Wachstums der Weltbevölkerung, sowie regionaler und nationaler Unterschiede nur begrenzt verwendbar, wenn nicht sogar als unzeitgemäß einzustufen.
Während z.B. in Island Ansiedlungen von 20 Menschen als Städte bezeichnet werden, gilt in Japan der Begriff Stadt erst bei einer Bevölkerungszahl von 50.000. Diese enorme Spannweite soll durch die folgende Tabelle veranschaulicht werden.

Spannweite der Untergrenze der Einwohnerzahl städtischer Siedlungen in ausgewählten Staaten der Erde
Untergrenze der Einwohnerzahl städtischer Siedlungen Definition im Detail Staat
200 Agglomerationen Dänemark
2.000 zusammenhängende Bebauung mit weniger als 200m Abstand zwischen den Häusern oder Gemeinden, von denen der größere Teil der Bevölkerung zu einer aus mehreren Gemeinden bestehenden Agglomeration gehört. Frankreich
2.000 unter 2.000 Ew "Landgemeinden" Deutschland
2.500 Orte mit mehr als 2.500 Einwohnern und verstädterte Gebiete USA
10.000 Munizien und Gemeinden Griechenland
50.000 Städte (shi) in denen mindestens 60% der Häuser im verbautem Gebiet liegen und mindestens 60% der Bevölkerung in Industrie oder anderen (städtischen) Betriebsstätten arbeiten oder das Gebiet städtische Einrichtungen aufweist Japan
Quelle: Demographic Yearbook 1988, in LICHTENBERGER (1991)

In Deutschland wurde eine weitere Regelung zur statistischen Unterscheidung der Städte in sogenannte Einwohnergrößenklassen vorgenommen, d.h.:

Städte mit einer Einwohnerzahl von
2.000 bis 5.000gelten als Landstädte,
5.000 bis 20.000gelten als Kleinstädte,
20.000 bis 100.000gelten als Mittelstädte,
100.000 bis 1.000.000werden als Großstädte bezeichnet,
Großstädte mit mehr als
einer Million Einwohner
gelten wiederum als Millionenstädte.

Da dieser statistische Stadtbegriff nur Einwohnerzahlen einschließt, nicht aber Aussagen über städtische Funktionen oder Erwerbsstruktur zuläßt, ist er nur sehr beschränkt verwendbar, um eine ländliche Siedlung von einer Stadt abzugrenzen. Geht es also um den Stadtbegriff in der Geographie, sollten soziologische und wirtschaftliche Kriterien zusätzlich berücksichtigt werden.

2.3. Der geographische Stadtbegriff (auch der aktuelle Stadtbegriff)

In der Geographie kann es aufgrund der schon erwähnten Kriterien (vgl. Einleitung und 2.1) keine eindeutige, allgemein gültige Definition des Begriffes »Sstadt« geben, die sämtliche Aspekte mit einschließen würde, doch kann die Begriffserläuterung »Stadt« in der Geographie auf einige wesentliche Punkte beschränkt werden.

Die Stadt im geographischen Sinn ist eine Siedlung mit besonderen funktionalen, sozialgeographischen und physiognomischen Merkmalen:
Kern-Rand-Gefälle

  1. Die Stadt zeichnet sich durch ein gewisse Größe aus, durch hohe Bebauungsdichte und eine geschlossene Ortsform.
  2. Es besteht ein Kern-Rand-Gefälle bezogen auf beispielsweise die Wohn- und Arbeitsstättendichte, Miet- und Lebenshaltungskosten u.ä. (vgl. nebenstehende Abb. v. F. LEHNER aus "Regionale Ordnung in Verkehr und Städtebau". 38. Kongreß des internationalen Verbandes für öffentliches Verkehrswesen (UITP), London, 1969, S.20).
  3. Ein weiteres Merkmal ist die Erwerbsstruktur der Stadtbevölkerung. Die Mehrheit der Bevölkerung geht nicht einer agraren Tätigkeit, sondern Tätigkeiten im sekundären oder tertiären Sektor nach.
  4. Die Stadt ist in sich funktional und sozialräumlich gegliedert.
  5. Städte besitzen einen Bedeutungsüberschuß gegenüber ländlichen Siedlungen, d.h. städtische Einrichtungen werden von Bewohnern des Umlands ebenso genutzt. (vgl. Theorie der zentralen Orte von Christaller, Boester, Kluczka)
  6. Durch diesen Bedeutungsüberschuß und der Mitnutzung städtischer Einrichtungen durch die Bewohner des Umlandes ergibt sich eine Verkehrsbündelung und hohe Verkehrswertigkeit der Stadt.
  7. Städte sind durch eine besondere Bevölkerungsstruktur gekennzeichnet. Überdurchschnittliche Anteile von Einpersonen-Haushalten und Kleinfamilien mit nur einem Kind sind als Merkmale von Städten bekannt.

3. Klassifikation von Städten

Betrachtet man Städte als regionalwirtschaftliche Einheiten, so hat deren Einteilung bzw. Klassifikation durchaus praktischen Nutzen, z.B. wenn es um Maßnahmen der Regionalpolitik oder Regionalforschung geht, oder sich Unternehmen für neue Standorte oder Absatzgebiete interessieren. Hierbei gibt es nun verschiedene Klassifikationssysteme und Herangehensweisen. Hier sollen insbesondere Darstellung der kulturhistorischen, quantitativen und qualitativen Klassifikation nachstehend beschränkt werden.

3.1. Kulturhistorische Klassifikation von Städten

Klassifikationen von Städten erfolgen meist aufgrund ihrer Funktion und so ist auch die Funktion jener Städte, die als Städte im historischen Sinn gelten, das namensgebende Element zur Einordnung in den jeweiligen kulturhistorischen Stadttyp. Einige wenige kulturhistorische Stadttypen sind:

  1. Burgstädte,
  2. Planstädte,
  3. Kolonialstädte,
  4. Bürgerstädte,
  5. Fernhandelsstädte/Messestädte,
  6. Gewerbestädte,
  7. Ackerbürgerstädte und
  8. sog. Minderstädte.

Zur Eingliederung einer Stadt zu einem bestimmten historischen Stadttyp sind Kriterien wie z.B. das Alter und die Entstehungsgeschichte, Besiedlung (Eroberung, Kriege) sowie der Grundriß der Stadt ausschlaggebend (vgl. Stadtgrund- und -aufriß der europäischen Stadt im Verlauf der Geschichte).

3.2. Quantitative Klassifikation

Bei dieser Art der Einstufung wird versucht Städte mengenmäßig (lat. quantitativ) zu erfassen, voneinander zu unterscheiden und verschiedenen Gruppen zuzzuordnen. Grundlage bildet der statistische Stadtbegriff.
Hierbei gibt es zwei unterschiedliche Einteilungen nach der Bevölkerungszahl, d.h. neben der unter 2.2. erwähnten bundesdeutschen amtlichen Statistik eine weitere Einteilung von akademischer Seite:

Die Unterscheidung in Klein-, Mittel- und Großstadt wird vernachlässigt, ausgehend von der Zwergstadt ergibt sich folgende Einteilung:

Zwergstadt unter 2.000 Einwohner
Millionenstadt über 1 Million Einwohner
Metropolis 1 bis 10 Millionen Einwohner
Kontinentstadt über 2 Millionen Einwohner
Megalopolis über 10 Millionen Einwohner
Quelle: Hofmeister, B.: Stadtgeographie, S. 54

Unter bestimmten Voraussetzungen kann eine Stadt als Weltstadt bezeichnet werden. Diese Bedingungen sind nach SCHULTZE (1959) und STEWIG (1964).

  1. eine Bevölkerungszahl von über 500.000 Einwohnern,
  2. mindestens 25% der Beschäftigten sind in jeweils zwei Bereichen der städtebildenden Funktionen Industrie/Handwerk/Bergbau; Handel/Verkehr; Verwaltung/Finanzwesen oder Kultur/Volksbildung tätig,
  3. es bestehen starke Verflechtungen mit dem Ausland, d.h. die Stadt verfügt über einen internationalen Funktionsbereich,
  4. die imperiale Residenz - und Hauptstadtfunktion.

(nachzulesen in Hofmeister, B. Stadtgeographie, S. 55)

3.3. Qualitative Klassifikation

Stadtklassifikationen sind nur dann nützlich und somit anwendbar, wenn verschiedene Aspekte sinnvoll miteinander verknüpft werden. So kann mit den bisher erläuterten Klassifikationen, quantitativ und historisch, erst gearbeitet werden, wenn die Funktionen der jeweiligen Stadt analysiert sind und mit Größenklassen und historischem Hintergrund der Ansiedlung in Zusammenhang gebracht werden. Solch eine Verbindung von Größenklasse und Funktion einer Stadt knüpft BOESLER (1960) und gelangt zu der folgenden Einteilung von Stadttypen in funktionale Stadttypen:

Funktionale Stadttypen
  Städtebildende Funktionen
(Beschäftigte pro 100 Einwohner)
 
Funktionaler Typ Einwohnerzahl Industrie,
Handwerk,
Bergbau
Handel und
Verkehr
Verwaltung,
Bank- und
Versiche-
rungswesen
Kultur und
Volksbildung
Sonstige Funktionsbereich
A Weltstadt ca. 500.000
und darüber
in mindestens 2 Bereichen zusammen > 25 in starkem Maße übernational
B Großstadt ca. 100.000
und darüber
in mindestens 2 Bereichen zusammen > 25 vorwiegend national
bzw. überregional
C Multifunktionale
Mittel- u. Kleinstädte
1.000 bis
ca. 100.000
 C1 Industriestädte
 mit zentralört-
 licher Funktion
  >15 <5 >5 <5 überregional
bzw.
zentralörtlich
 C2 Industriestädte
 mit Handels- u.
 Verkehrsfunktion
  >15 >5 <5 <5
 C3 Handels- u.
 Verkehrsstädte.
 m.zentralörtl. Funktion
  <15 >10 >5 <5
 C4 Sonstige...   >=15 >=5 >=5 >5
D Monofunktionale
Mittel- u. Kleinstädte
1.000 bis
ca. 100.000
 D1 Industriestädte   >35 <5 <5 <5 überregional
bzw.
zentralörtlich
 D2 Städte m.zentral-
 örtlichen.
 Funktionen
  <15 <5 >10 <5
 D3 Handels-u.Ver-
 kehrsstädte
  <15 >10 <5 <5
 D4 Sonstige...   <15 <5 <5 >10

Die Klassifikation von Städten aufgrund ihrer Funktion wird zu Verallgemeinerungen über das räumliche Muster von Städten und ihre Beziehung zum Hinterland führen können. Doch woran erkennt man die vorherrschende Funktion einer Stadt? Unter 3.3.1 - 3.3.3 sollen Verfahren zur Bestimmung dieser Hauptfunktionen vorgestellt werden.

3.3.1. Allgemeine Beschreibung

Hier wird versucht die »Normalstadt« eines Staates zu ermitteln, um diese dann als Vergleichsmaß für andere Städte zu verwenden. Eine Normalstadt wird mit Hilfe von Lageparametern, statistischen Methoden und Verfahren mathematisch bestimmt. Zur Erfassung der ökonomischen Basis und somit der wirtschaftlichen Struktur wurden einige Konzepte gefunden, von denen hier nur drei erwähnt werden sollen.

  1. Das basic - nonbasic Konzept, wobei die Spannweite zwischen Eigenbedarfsdeckung und Überschüssen an Gütern und Dienstleistungen ausschlaggebend ist.
  2. Die Input-Output-Analyse.
  3. Die location-quotient-Methode, die mit einem Spezialisierungsindex arbeitet. Mit Hilfe dieses Indexwertes kann der Überschuß bei der Bedarfsdeckung einer Branche der Stadt benannt werden.

Wichtig bei der Bestimmung der »Normalstadt« eines Staates ist, daß für den Vergleich nur Städten gleicher Größe und Struktur herangezogen werden.

3.3.2. Monothetische Taxonomie/ Statistische Beschreibung unter besonderer Berücksichtigung des Aufsatzes »A Functional Classification of Cities in The United States« von Chauncy D. Harris

Die Erwerbsstruktur der Stadtbevölkerung ist, wie in der Definition des geographischen Stadtbegriffs erwähnt, ein Merkmal städtischer Siedlungen. Festgestellt wurde also, daß der Großteil der Beschäftigten entweder im sekundären oder tertiären Sektor tätig ist. Mit Hilfe von Beschäftigtenzahlen ist es möglich, denjenigen unter den Sektoren oder Arbeitszweigen mit den meisten Beschäftigten herauszufiltern, seine Bedeutung gegenüber anderen städtischen Funktionen abzuwägen und die Stadt dementsprechend zu benennen.
Chauncy D. Harris stand nach einer Volkszählung 1930 in den USA genügend Datenmaterial zur Verfügung. Seine Klassifikation basiert auf der Ermittlung des Arbeitszweiges mit der größten Aktivität in der jeweiligen Stadt. Dazu standen ihm zwei Arten von Daten zur Verfügung,

  1. Occupation figures (Beschäftigungszahlen), d.h. jede Person wurde befragt, womit er/sie seinen/ihren Lebensunterhalt verdient. Für 377 Städte, die 1930 mehr als 25.000 Einwohner hatten, sind diese Zahlen vorhanden. Da jedoch dieses Material durch die große Zahl von Berufen und deren Einsatzmöglichkeiten in unterschiedlichen Gewerben verwischt wird und kaum auseinanderzuhalten ist, welcher Kaufmann z.B. im Einzel- oder Großhandel arbeitet, ist dieses Material nur beschränkt verwendbar.
  2. Das zweite Datenmaterial, von weit größerer Bedeutung, wurde durch die Befragung von jedem Industrie- und Handelsunternehmen gewonnen. Damit gelangt man zu den Beschäftigtenzahlen/Employment figures aller 984 Städte der USA mit mehr als 10.000 Einwohnern 1930. Dazu wurde jedes Unternehmen gefragt, wieviel Arbeitnehmer es beschäftigt.

Dieses Material ist wertvoll, denn es wird zwischen Einzel- und Großhandel unterschieden und Industriezweige sind voneinander abzugrenzen.

Harris gelangt 1943 zu 9 verschiedenen funktionalen Stadtttypen in seinem Klassifikationsversuch unter Einbeziehung von beiden Occupation und Employment figures. Bei den als Industriestädten eingestuften Städten bildet er verschiedene Typen, von denen nur folgende maßgeblich sind.

Statistische Klassifikation nach Harris (1943)
Funktionaler Typ minimaler %-Anteil der Gesamtbeschäftigten
Industriestädte74
Einzelhandelsstädte50
Großhandelsstädte20
Verkehrsstädte11
Bergbaustädte15
Universitätsstädtemindestens 25% der Gesamtbevölkerung sind Studenten
Fremden- und Ruhestands-
städte
kein ausreichendes Kriterium
Quelle: Harris C.D., "A Functional Classification of Cities in The United States", 1943:289

functional classification of american cities Desweiteren ging Harris von den Städten als funktionalen und nicht politischen Einheiten aus. In den USA waren nach seiner Analyse Industrie-, Einzelhandel- und Multifunktionale Städte am zahlreichsten vertreten. HARRIS versuchte, Städte nach dem größten Wirtschaftzweig zu benennen und die Wirtschaftszweige in einer Stadt so zu ordnen, daß erkennbar werde, welcher Zweig den größeren oder vielleicht gleich großen unterstützt. Doch müssen alle mit Beschäftigtenzahlen arbeitenden Klassifikationen letztlich daran kranken, daß sich in jeder größeren Stadt eine Multifunktionalität ausbildet und es damit schwierig ist, eindeutige Klassifikationen vorzunehmen (vgl. nebenstehende Abb. n. HARRIS, C.D. ebd.).

3.3.3. Multivarianzanalyse

Statt eine Einteilung der Städte nach ihrer jeweiligen funktionalen Dominanz vorzunehmen, kann man versuchen, Städte auch nach ihrer Gleichartigkeit zu ordnen. Hierzu werden quantitative statistische Methoden verwendet, um Städte in eine berenzte Zahl unterschiedlicher Merkmalsgruppen einzuordnen. Benutzt wird vor allem die Faktoren- und die Clusteranalyse.
"MOSER und SCOTT (1961) haben das anhand von 57 Merkmalen für die britischen Städte über 50.000 Einwohner, HADDEN und BORGATTA (1965) anhand von 65 Merkmalen für die US-amerikanischen Städte durchgeführt." (HOFMEISTER, Stadtgeographie S.54).

4. Der Stand der Stadtgeographie

Stets haben Geomorphologie und Siedlungsgeographie die beiden Kerngebiete in der modernen Geographie gebildet und die Stadtgeographie war von Beginn an in der Siedlungsgeographie enthalten. Mit Zunahme der Weltbevölkerung und Verstädterung, der Schaffung einer eigenen Methodik in der Stadtgeographie, gewann diese zunächst nur als Teil der Siedlungsgeographie verstandene "Spielart" an Bedeutung und verselbständigte sich allmählich. Stadtgeographie ist ein Teil der Humangeographie, der eng mit anderen Wissenschaften, wie Soziologie, Kommunalwissenschaft, Städtebau/Geschichte und Architektur verbunden ist. Deshalb versteht man Stadtgeographie als einen Teil der interdisziplinären Stadtforschung. Die stadtgeographische Forschung beinhaltet aufgrund der Brisanz einiger ihrer Themen, ihrer Vernetzung mit unterschiedlichsten Disziplinen und der Wechselhaftigkeit der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (politische Umwälzungen, neue Entwicklungskonzepte usw.) sehr viele geographische, soziologische Fragestellungen, die die Stadtgeographie zu einem immer wichtigeren Teil der Humangeographie werden lassen. Da Städte in den verschiedenen Kulturräumen der Erde sehr vielfältige Erscheinungsbilder und Entwicklungsdynamiken besitzen, wird das Aufgabenfeld der Stadtforschung zukünftig eher größer als kleiner werden und die gesellschaftliche Bedeutung der geographischen Stadtforschung sicherlich stark zunehmen.

[kf/cb]