Die Räume, in denen Menschen leben und sich orientieren sind einerseits durch absolute
Eigenschaften eindeutig definiert, andererseits aber in erheblichem Maße
durch psychologische Merkmale geprägt. Wenn man das
räumliche Verhalten von Menschen erklären möchte - eine typische Fragestellung der
Humangeographie - ist es daher häufig nicht ausreichend, beispielsweise die Distanz zwischen
Orten, die durch Interaktionen miteinander verknüpft sind, zu messen. Es ist vielmehr
erforderlich herauszufinden, wie weit diese Orte in der Vorstellungswelt von
Personen/Personengruppen voneinander entfernt liegen. Die Vorstellungswelten von Personen werden
erforschbar mit Hilfe von mental maps bzw. kognitiven Karten. Sie
repräsentieren eines von einer Vielzahl möglicher Relativraumkonzepte.
Das Wissen um die Relativität von Raum - in starkem Maße erst durch die massenhafte Verbreitung moderner
Verkehrs- und Kommunikationstechnik hervorgerufen - wird immer mehr zum Allgemeingut; das Philosophieren vom "global village" zum Allgemeinplatz.
"Die Welt wird klein. Die Distanz, die vor nicht allzu langer Zeit noch
durch die Rufweite der Marktleute bestimmt war, hat sich zum Erdenrund geweitet.
Die Kommunikation in Echtzeit - ob in Wort, Ton oder Bild - kennt hier auf Erden
keine Grenzen mehr. (...)
| ![]() Bildquelle: http://www.visualinsights.com/base_pages/, siehe auch Cybergeography |
| (FRANCK, G. (1997): Folgt der Raumordnung die Zeitordnung? Zur technischen Relativierung von Raum und Zeit; in: Schrenck, M. (Hrsg) Beiträge zum Symposion CORP´97, Computergestützte Raumplanung http://www.corp.at) | |
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In einem Absolutraum (euklidischen Raum) sind Distanzen richtungsunabhängig; die Addition zweier Distanzen ergibt eine Gesamtdistanz, die der Summe der Einzeldistanzen entspricht; analoge Axiome definieren Flächen. Als Maßeinheiten dienen z.B. metrische
Größen wie km, m2 etc. Die Eigenschaften des euklidischen Raums werden durch die Gesetze
der Euklidischen Geometrie (Dreiecksungleichung, Symmetrie ...) eindeutig definiert. Diese Eigenschaften gelten in einem Relativ-Raum nicht! Als Maßeinheiten dienen hier relative Distanzmaße wie Kosten, Zeitaufwand, Güteraustauschvolumen oder die Zahl sozialer Kontakte. ![]() |
| Doch nicht nur die menschliche Psyche "verbiegt" den Raum zur passenden mental map, auch die statistische Analyse bedient sich gelegentlich der Verzerrung des euklidischen Raumes, um dessen Einfluß bei einer Analyse zu neutralisieren, wie z.B. bei DEMP
(Densitiy Equalization Map Projections). Es gilt, durch gezielte Verzerrung des Raumes, den Einfluß heterogener Teilraumeinheiten, die ja in der Regel zufällig bestimmt werden (wie z.B. Kreisgrenzen), zu eliminieren. So wird es möglich, z.B. den Zusammenhang zwischen der Verbreitung von Krankheiten und der Lage innerhalb bestimmter Raumeinheiten gezielt zu untersuchen, indem die Unterschiede in der Bevökerungsdichte in allen Teilraumeinheiten nivelliert werden. Intuitiv wurde die Nützlichkeit von kartographischen Darstellungen des nicht-absoluten Raumes von Geographen seit den beginnenden 30er Jahren erkannt. Sogenannte Verzerrungskartogramme oder kartographische Anamorphosen wurden v.a. von Erwin Raisz einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht. Sie enthielten nur mehr eine Teilmenge der Eigenschaften des Absolutraumes, so wie z.B. die relative Position von Orten zueinander (Topologie). Obwohl Verzerrungskartogramme den Betrachter häufig irritieren, sind U-Bahn-Netzpläne als linienhafte Verzerrungskartogramme allgemein bekannt. Weitere typische Darstellungsformen sind:
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![]() Quelle: Laux, H.-D. (2001): Bevölkerungsverteilung; in: Nationalatlas, Band 4 "Bevölkerung", S. 34 IFL, Leipzig, 2001 (bearbeitet) |
Verzerrungskartogramme sind in gewissem Sinne Karten des Relativraums, z.T. bilden sie recht gut das menschliche Vorstellungsbild ab. Zeit- und Kostenaufwand determinieren räumliche Verhaltensweisen von Menschen wesentlich eindeutiger als absolute Distanzen und sind daher viel bessere Erklärungsansätze für die Analyse räumlicher Verhaltensweisen. In Kartogrammen von Relativräumen dominieren quantitative gegenüber den karthesischen Raumattributen.
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E. KANT entwickelte eine logarithmische Kartenprojektion, die sich besonders gut
für die Darstellung von kleinräumigen Wanderungsbewegungen eignet. T.
HÄGERSTRAND verwendete für die Darstellung der Ergebnisse seiner Diffusions- und Wanderungsforschung derartige Projektionen.
Gerade Wanderungsbewegungen, mit ihren größtenteils kurzen
Wanderungsreichweiten lassen sich so gut abbilden, weil im Projektionszentrum
"viel Platz" für die Darstellung der Vektoren ist. Gleichzeitig ist eine derartige Projektion jedoch auch nützlich für die Vorstellung von einer 'mental map' eines Einwohners des dargestellten Gebietes (wie z.B. Berlin). | ![]() |
| Beispiel für einen Relativraum in Berlin: | |||||||||||||||||||||
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Karten der Erreichbarkeit von Orten mit isochronen
Distanzen zeigen andererseits wesentlich deutlicher die zu erwartenden
Interaktionsvolumina als absolute Karten des gleichen Raumes. Wenn man beispielsweise die
Luftliniendistanzen von kleineren Städten mit der Erreichbarkeit über das
Eisenbahnnetz vergleicht, fällt auf, daß viele nahe beieinandergelegene
Städte in "Eisenbahnkilometern" ziemlich weit voneinander entfernt sind
(weil keine direkten Verbindungen existieren), während die Distanz zwischen kleineren
Städten und Großstädten häufig relativ kleiner ist. Es ist jedoch nicht in jedem Fall möglich, die relativen Distanzen zwischen gegebenen Orten in Kartogrammen darzustellen. ABLER, ADAMS und GOULD geben dafür folgendes Beispiel einer Kostendistanz zwischen drei Orten A, B und C: Angenommen
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Bei der Untersuchung von Relativräumen haben Geographen etliche neue Raumbezüge kennengelernt, die sich gut in theoretische Betrachtungen von bekannten Zusammenhängen der Humangeographie einbinden ließen. Es wurden gewöhnlich zwei Formen von Relativräumen unterschieden (vgl. BRAUN 1978):
Relativräume sind jedoch nicht konstant. So wie sich Technologien im Zeitverlauf entwickeln, verändern sich auch andere Variablen im Raumkontext. Individuelle Raumwahrnehmung verändert sich z.B. nicht nur beim heranwachsenden Kind, sondern auch im Zusammenhang mit dem Bildungsgrad und der (Möglichkeit zur) Mobilität. Einen wesentlichen Einfluß auf Mobilität hat bekanntlich auch das Einkommen. Da die Höhe des Einkommens keine absolute Konstante ist, sind mit Veränderungen des Einkommens auch Veränderungen im Relativraum einer Person zu erwarten.
Menschen leben allerdings gleichzeitig in einer Vielzahl von Relativräumen. Die relativen Raumstrukturen, die sich aus den Überlagerungen dieser Raumvorstellungen ergeben, steuern eine Vielzahl von Entscheidungen. Erst das Wissen über die Struktur aller möglichen Raumvorstellungen kann räumliches Verhalten erklären.
Die geographischen "Basisfragen" Wo? und Was ist wo? sind auch in Relativräumen zu beantworten. Die Beantwortung dieser Fragen muss jedoch mitunter provisorisch erfolgen. Ortsangaben im Absolutraum haben dagegen immer den Charakter von Absolutmarken: Ein einmal bestimmter Standort muss nicht mehrmals in kurzen Zeitabständen neu bestimmt werden.
![]() Portugal, (Quelle: FREUND,
B., 1999, bearbeitet) |
Da der Mensch ständig Techniken zur Raumüberwindung neu- und weiterentwickelt, müssen Positionsbestimmungen in relativen Räumen häufiger neu vorgenommen oder angepasst werden. Eine Möglichkeit zur Messung von Raum-Zeit-Konvergenzen ist die Untersuchung der Reisezeit-Abstände zwischen gegebenen Orten im Zeitverlauf. D.G. JANELLE hat beispielsweise die Distanz London - Edinburgh im Verlauf von 3 Jahrhunderten untersucht und das Ausmaß der mittleren jährlichen 'Annäherung' beider Städte mit rund 29 Minuten/Jahr bestimmt. Bei der Untersuchung solcher "räumlicher Implosionen" (HAGGETT, 19912:426) wurde beobachtet, daß sich große Distanzen relativ stärker verkürzen als kleinere und die Distanzen zwischen Orten mit einem hohen Interaktionsvolumen (i.a. Großstädte) stärker schrumpften als die Distanzen zwischen Orten mit geringeren Interaktionsvolumina. |
| Als ein Indikator für Interaktionspotentiale kann die relative
Erreichbarkeit von zentralen Orten einer höheren
Zentralitätsstufe angesehen werden. Nebenstehende Karte zeigt die
relative Erreichbarkeit ausgedrückt als Fahrzeit in Minuten mit dem
PKW zu einem der bezogen auf den Ausgangsort jeweils nächstgelegenen
Agglomerationsräume. Je kürzer die Fahrzeit, desto größer die Interaktionswahrscheinlichkeit zwischen Menschen, desto größer auch die Wahrscheinlichkeit, eine Information oder Innovation aufzunehmen und zu adoptieren, desto enger die soziale Verflechtung gemessen an der Zahl der Kontakte - desto geringer also die relative Distanz messbar beispielsweise als Kosten für Interaktion. Ableitungen aus diesen Erreichbarkeitspotentialen sind unmittelbar für die Bestimmung von Marktgebieten nutzbar. |
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| Karte: PKW-Reisezeiten in Minuten zu einem der drei nächstgelegenen Agglomerationsräume (siehe auch "Atlas Bundesrepublik Deutschland", Pilotband, IFL, Leipzig, 1997, S.52/53) |
| Bestimmte Metaphern symbolisieren den Implosionsprozess, wie z.B. die Bezeichnung 'global village', die im Zusammenhang mit der zunehmenden weltweiten Verknüpfung von Computern über leistungsfähige Datennetze (wie z.B. das Internet) häufig verwendet wird. Eine weitere, in diesem Zusammenhang häufig benutzte Metapher, die Analogien zu vorangegangenen Implosionsprozessen mit anderen Technologiesprüngen bildet, ist die Bezeichnung "Datenautobahn" oder 'information highway'. | ![]() |
Im Zusammenhang mit der Untersuchung von Interaktionsströmen z.B. mit Hilfe des Gravitationsmodells, besonders aber auch bei der Erklärung von räumlichen Diffusionsprozessen, bekommenen Fragen nach der relativen Distanz von Orten der Interaktion besonderes Gewicht.
Relativraumkonzepte sind allgegenwärtig und wirken zugleich fremdartig. Dabei ermöglichen gerade graphische Abbildungen von Relativräumen visuelle Analysen, die in der Darstellung des Absolutraumes nicht denkbar wären. Neben inhaltlichen begründeten Verzerrungen der Darstellung sowie Ergebnissen kognitiven Kartierens sind es vor allem Ansätze der humangeographischen Analyse, die Relativräume berücksichtigen müssen.
Genannt seien hier insbesondere
Wirtschaftlich bedeutend wird zunehmend eine weitere Eigenschaft nicht-materieller Räume: Die Topologische Nähe (z.B. von Information), die sich über Interaktionshäufigkeit messen und darstellen lässt. |
![]() Quelle: http://www.cybergeography.org |
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