Absolut- versus Relativraum in geographischen Fragestellungen

Die Räume, in denen Menschen leben und sich orientieren sind einerseits durch absolute Eigenschaften eindeutig definiert, andererseits aber in erheblichem Maße durch psychologische Merkmale geprägt. Wenn man das räumliche Verhalten von Menschen erklären möchte - eine typische Fragestellung der Humangeographie - ist es daher häufig nicht ausreichend, beispielsweise die Distanz zwischen Orten, die durch Interaktionen miteinander verknüpft sind, zu messen. Es ist vielmehr erforderlich herauszufinden, wie weit diese Orte in der Vorstellungswelt von Personen/Personengruppen voneinander entfernt liegen. Die Vorstellungswelten von Personen werden erforschbar mit Hilfe von mental maps bzw. kognitiven Karten. Sie repräsentieren eines von einer Vielzahl möglicher Relativraumkonzepte.
Das Wissen um die Relativität von Raum - in starkem Maße erst durch die massenhafte Verbreitung moderner Verkehrs- und Kommunikationstechnik hervorgerufen - wird immer mehr zum Allgemeingut; das Philosophieren vom "global village" zum Allgemeinplatz.

"Die Welt wird klein. Die Distanz, die vor nicht allzu langer Zeit noch durch die Rufweite der Marktleute bestimmt war, hat sich zum Erdenrund geweitet. Die Kommunikation in Echtzeit - ob in Wort, Ton oder Bild - kennt hier auf Erden keine Grenzen mehr. (...)
  • Die erste These der folgenden Überlegungen ist, daß der Eindruck vom Bedeutungsverlust des Raums von einer fehlenden Differenzierung verschiedener Bedeutungen von "Raum" herrührt.
  • Die zweite These ist, daß die Globalisierung aber den Effekt hat, Raum und Zeit zu einer sozial relativen Raumzeit zu verschmelzen.
(...) Der Raum ist unzweideutig definiert, was die abstrakte geometrische beziehungsweise topologische Ordnung des Nebeneinander betrifft. Das Maß, in dem er ein Hindernis für den Ortswechsel darstellt, ist räumliche Distanz. Das Maß, in dem er als Lebensnotwendigkeit immer knapper wird, ist nutzbares Volumen. Volumen wird in räumlichen Distanzen gemessen - und räumliche Distanzen definieren, auf die räumlichen Dimensionen verteilt, Volumen. Wenn hier Zweideutigkeiten auftauchen, dann können sie nur damit zu tun haben, wie wir als selbst räumliche Wesen im Raum leben und den Raum erleben. Tatsächlich unterscheidet sich der Raum, wie wir ihn erleben, von seiner geometrischen und physikalischen Definition. Der Raum in dieser Definition ist ohne Zentrum. Der Raum hingegen, den wir erleben, hat ein Zentrum: das Hier. Ebenso hat die Zeit, wie wir sie erleben, ein Zentrum: das Jetzt. Hier und Jetzt bezeichnen zusammen das Zentrum subjektiven Erlebens. Sie sind nichts, was von diesem Erleben unabhängig zu fassen wäre. So fehlen sie denn in der objektiven - sei es geometrischen oder physikalischen - Definition des Raums beziehungsweise der Zeit."

Bildquelle: http://www.visualinsights.com/base_pages/, siehe auch Cybergeography
(FRANCK, G. (1997): Folgt der Raumordnung die Zeitordnung? Zur technischen Relativierung von Raum und Zeit; in: Schrenck, M. (Hrsg) Beiträge zum Symposion CORP´97, Computergestützte Raumplanung http://www.corp.at)
In einem Absolutraum (euklidischen Raum) sind Distanzen richtungsunabhängig; die Addition zweier Distanzen ergibt eine Gesamtdistanz, die der Summe der Einzeldistanzen entspricht; analoge Axiome definieren Flächen. Als Maßeinheiten dienen z.B. metrische Größen wie km, m2 etc. Die Eigenschaften des euklidischen Raums werden durch die Gesetze der Euklidischen Geometrie (Dreiecksungleichung, Symmetrie ...) eindeutig definiert.
Diese Eigenschaften gelten in einem Relativ-Raum nicht!
Als Maßeinheiten dienen hier relative Distanzmaße wie Kosten, Zeitaufwand, Güteraustauschvolumen oder die Zahl sozialer Kontakte.
Doch nicht nur die menschliche Psyche "verbiegt" den Raum zur passenden mental map, auch die statistische Analyse bedient sich gelegentlich der Verzerrung des euklidischen Raumes, um dessen Einfluß bei einer Analyse zu neutralisieren, wie z.B. bei DEMP (Densitiy Equalization Map Projections).
Es gilt, durch gezielte Verzerrung des Raumes, den Einfluß heterogener Teilraumeinheiten, die ja in der Regel zufällig bestimmt werden (wie z.B. Kreisgrenzen), zu eliminieren. So wird es möglich, z.B. den Zusammenhang zwischen der Verbreitung von Krankheiten und der Lage innerhalb bestimmter Raumeinheiten gezielt zu untersuchen, indem die Unterschiede in der Bevökerungsdichte in allen Teilraumeinheiten nivelliert werden.

Intuitiv wurde die Nützlichkeit von kartographischen Darstellungen des nicht-absoluten Raumes von Geographen seit den beginnenden 30er Jahren erkannt. Sogenannte Verzerrungskartogramme oder kartographische Anamorphosen wurden v.a. von Erwin Raisz einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht.
Sie enthielten nur mehr eine Teilmenge der Eigenschaften des Absolutraumes, so wie z.B. die relative Position von Orten zueinander (Topologie). Obwohl Verzerrungskartogramme den Betrachter häufig irritieren, sind U-Bahn-Netzpläne als linienhafte Verzerrungskartogramme allgemein bekannt. Weitere typische Darstellungsformen sind:
  1. Isoflächen: Flächen werden so verzerrt, daß sie der Bedeutung eines Raumattributes entsprechen, z.B. 1 Flächeneinheit entspricht 100.000 Einwohnern.
  2. Kosten-Distanz: Entfernungen werden so verzerrt, wie es z.B. den Transportkosten entspräche.
  3. Zeit-Distanz: Entfernungen werden so verzerrt, wie es z.B. der Reisezeit entspräche.

Quelle: Laux, H.-D. (2001): Bevölkerungsverteilung; in: Nationalatlas, Band 4 "Bevölkerung", S. 34 IFL, Leipzig, 2001 (bearbeitet)

Verzerrungskartogramme sind in gewissem Sinne Karten des Relativraums, z.T. bilden sie recht gut das menschliche Vorstellungsbild ab. Zeit- und Kostenaufwand determinieren räumliche Verhaltensweisen von Menschen wesentlich eindeutiger als absolute Distanzen und sind daher viel bessere Erklärungsansätze für die Analyse räumlicher Verhaltensweisen. In Kartogrammen von Relativräumen dominieren quantitative gegenüber den karthesischen Raumattributen.

E. KANT entwickelte eine logarithmische Kartenprojektion, die sich besonders gut für die Darstellung von kleinräumigen Wanderungsbewegungen eignet. T. HÄGERSTRAND verwendete für die Darstellung der Ergebnisse seiner Diffusions- und Wanderungsforschung derartige Projektionen. Gerade Wanderungsbewegungen, mit ihren größtenteils kurzen Wanderungsreichweiten lassen sich so gut abbilden, weil im Projektionszentrum "viel Platz" für die Darstellung der Vektoren ist.
Gleichzeitig ist eine derartige Projektion jedoch auch nützlich für die Vorstellung von einer 'mental map' eines Einwohners des dargestellten Gebietes (wie z.B. Berlin).
Beispiel für einen Relativraum in Berlin:
Karten der Erreichbarkeit von Orten mit isochronen Distanzen zeigen andererseits wesentlich deutlicher die zu erwartenden Interaktionsvolumina als absolute Karten des gleichen Raumes. Wenn man beispielsweise die Luftliniendistanzen von kleineren Städten mit der Erreichbarkeit über das Eisenbahnnetz vergleicht, fällt auf, daß viele nahe beieinandergelegene Städte in "Eisenbahnkilometern" ziemlich weit voneinander entfernt sind (weil keine direkten Verbindungen existieren), während die Distanz zwischen kleineren Städten und Großstädten häufig relativ kleiner ist.
Es ist jedoch nicht in jedem Fall möglich, die relativen Distanzen zwischen gegebenen Orten in Kartogrammen darzustellen. ABLER, ADAMS und GOULD geben dafür folgendes Beispiel einer Kostendistanz zwischen drei Orten A, B und C:
Angenommen
für die Distanz A - B
sind 7 Einheiten ($, DM etc) zu entrichten,
für die Distanz A - C
3 Einheiten und
für die Distanz B - C
1 Einheit:
Dieser Sachverhalt läßt sich kartographisch nicht darstellen, da ein Dreieck mit den gegebenen Schenkellängen nicht konstruiert werden kann. Eine solche Relation ließe sich dagegen gut mit Hilfe einer Matrix darstellen.
Kosten für Distanzüberwindung
von nach...
 A   B   C  Matrixdarstellungen sind besonders dann nützlich, wenn Distanzen nicht symetrisch sind, wie z.B. im Falle von unterschiedlichen Tarifen je nach Fahrtrichtung.
 A   -   7   3 
 B     -   1 
 C       - 

Bei der Untersuchung von Relativräumen haben Geographen etliche neue Raumbezüge kennengelernt, die sich gut in theoretische Betrachtungen von bekannten Zusammenhängen der Humangeographie einbinden ließen. Es wurden gewöhnlich zwei Formen von Relativräumen unterschieden (vgl. BRAUN 1978):

  1. Zentrierte Relativräume: Hier beziehen sich die Distanzen der Raumeinheiten auf ein Zentrum (läßt sich durch Isolinien darstellen) und
  2. Nicht-zentrierte Relativräume: Die betrachteten Raumeinheiten befinden sich in relativer Lage zueinander. Die relative Lage eines jeden Raumpunktes ist durch die Beziehung zu allen anderen Raumpunkten gegeben. Die Darstellung solcher Relativräume ist durch Verfahren der Trilateration (geometrische Annäherung) vorzugsweise unter Zuhilfenahme von Computern möglich.

Relativräume sind jedoch nicht konstant. So wie sich Technologien im Zeitverlauf entwickeln, verändern sich auch andere Variablen im Raumkontext. Individuelle Raumwahrnehmung verändert sich z.B. nicht nur beim heranwachsenden Kind, sondern auch im Zusammenhang mit dem Bildungsgrad und der (Möglichkeit zur) Mobilität. Einen wesentlichen Einfluß auf Mobilität hat bekanntlich auch das Einkommen. Da die Höhe des Einkommens keine absolute Konstante ist, sind mit Veränderungen des Einkommens auch Veränderungen im Relativraum einer Person zu erwarten.

Menschen leben allerdings gleichzeitig in einer Vielzahl von Relativräumen. Die relativen Raumstrukturen, die sich aus den Überlagerungen dieser Raumvorstellungen ergeben, steuern eine Vielzahl von Entscheidungen. Erst das Wissen über die Struktur aller möglichen Raumvorstellungen kann räumliches Verhalten erklären.


Typische geographische Fragestellungen in einem neuen räumlichen Kontext

Die geographischen "Basisfragen" Wo? und Was ist wo? sind auch in Relativräumen zu beantworten. Die Beantwortung dieser Fragen muss jedoch mitunter provisorisch erfolgen. Ortsangaben im Absolutraum haben dagegen immer den Charakter von Absolutmarken: Ein einmal bestimmter Standort muss nicht mehrmals in kurzen Zeitabständen neu bestimmt werden.


Portugal, (Quelle: FREUND, B., 1999, bearbeitet)
Da der Mensch ständig Techniken zur Raumüberwindung neu- und weiterentwickelt, müssen Positionsbestimmungen in relativen Räumen häufiger neu vorgenommen oder angepasst werden. Eine Möglichkeit zur Messung von Raum-Zeit-Konvergenzen ist die Untersuchung der Reisezeit-Abstände zwischen gegebenen Orten im Zeitverlauf. D.G. JANELLE hat beispielsweise die Distanz London - Edinburgh im Verlauf von 3 Jahrhunderten untersucht und das Ausmaß der mittleren jährlichen 'Annäherung' beider Städte mit rund 29 Minuten/Jahr bestimmt. Bei der Untersuchung solcher "räumlicher Implosionen" (HAGGETT, 19912:426) wurde beobachtet, daß sich große Distanzen relativ stärker verkürzen als kleinere und die Distanzen zwischen Orten mit einem hohen Interaktionsvolumen (i.a. Großstädte) stärker schrumpften als die Distanzen zwischen Orten mit geringeren Interaktionsvolumina.

Als ein Indikator für Interaktionspotentiale kann die relative Erreichbarkeit von zentralen Orten einer höheren Zentralitätsstufe angesehen werden. Nebenstehende Karte zeigt die relative Erreichbarkeit ausgedrückt als Fahrzeit in Minuten mit dem PKW zu einem der bezogen auf den Ausgangsort jeweils nächstgelegenen Agglomerationsräume.
Je kürzer die Fahrzeit, desto größer die Interaktionswahrscheinlichkeit zwischen Menschen, desto größer auch die Wahrscheinlichkeit, eine Information oder Innovation aufzunehmen und zu adoptieren, desto enger die soziale Verflechtung gemessen an der Zahl der Kontakte - desto geringer also die relative Distanz messbar beispielsweise als Kosten für Interaktion. Ableitungen aus diesen Erreichbarkeitspotentialen sind unmittelbar für die Bestimmung von Marktgebieten nutzbar.
Karte: PKW-Reisezeiten in Minuten zu einem der drei nächstgelegenen Agglomerationsräume (siehe auch "Atlas Bundesrepublik Deutschland", Pilotband, IFL, Leipzig, 1997, S.52/53)

Bestimmte Metaphern symbolisieren den Implosionsprozess, wie z.B. die Bezeichnung 'global village', die im Zusammenhang mit der zunehmenden weltweiten Verknüpfung von Computern über leistungsfähige Datennetze (wie z.B. das Internet) häufig verwendet wird. Eine weitere, in diesem Zusammenhang häufig benutzte Metapher, die Analogien zu vorangegangenen Implosionsprozessen mit anderen Technologiesprüngen bildet, ist die Bezeichnung "Datenautobahn" oder 'information highway'.

Im Zusammenhang mit der Untersuchung von Interaktionsströmen z.B. mit Hilfe des Gravitationsmodells, besonders aber auch bei der Erklärung von räumlichen Diffusionsprozessen, bekommenen Fragen nach der relativen Distanz von Orten der Interaktion besonderes Gewicht.

Zusammenfassung

Relativraumkonzepte sind allgegenwärtig und wirken zugleich fremdartig. Dabei ermöglichen gerade graphische Abbildungen von Relativräumen visuelle Analysen, die in der Darstellung des Absolutraumes nicht denkbar wären. Neben inhaltlichen begründeten Verzerrungen der Darstellung sowie Ergebnissen kognitiven Kartierens sind es vor allem Ansätze der humangeographischen Analyse, die Relativräume berücksichtigen müssen.

Genannt seien hier insbesondere
Wirtschaftlich bedeutend wird zunehmend eine weitere Eigenschaft nicht-materieller Räume: Die Topologische Nähe (z.B. von Information), die sich über Interaktionshäufigkeit messen und darstellen lässt.

Quelle: http://www.cybergeography.org

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Literatur zu diesem Kapitel: