Kevin Lynchs 'Bild der Stadt' und die Übertragung auf geographische Untersuchungsmethoden


Kevin LYNCH, ein Architekt und Stadtplaner begann Mitte der 50er Jahre am Massachusetts Institute of Technology (MIT) das Wahrnehmungsverhalten von Stadtbewohnern zu untersuchen, weil er Zusammenhänge zwischen der menschlichen Wahrnehmung und der Art/Qualität von Architektur vermutete. Er fand durch empirische Studien heraus, daß das 'geistige Abbild', das jeder Mensch über seine Umwelt anfertigt

Diese "geistigen Karten" (mental maps, auch als kognitive Karten bezeichnet) haben vor allem Funktionen im Zusammenhang mit der räumlichen Orientierung und Ordnung. Die Art der Entstehung mentaler Repräsentation des Raumes (subjektiv) aus der Verarbeitung eigentlich einheitlicher Sinneseindrücke (objektiv) lassen sich nur indirekt erfassen. Als Instrumentarium dienten Lynch neben Gedächtnisprotokollen vor allem Kartenskizzen, die von den Probanden aus der Erinnerung dargestellt wurden.
Da die mental maps einen ausgesprochenen Anwendungsbezug haben, fanden sie rasch in anderen raumbezogenen Wissenschaftsdisziplinen weiteren Einsatz.

Auffällige Unterschiede lassen sich je nach Art des benutzten Verkehrsmittels ausmachen: Autofahrer nehmen andere Stadtelemente wahr als Fußgänger, und U-Bahnfahrer haben wiederum andere Images ihrer Umgebung gespeichert. Die im Absolutraum meßbare und abbildbare Stadtgestalt wird subjektiv verzerrt. Die Vorstellung von der Realität jedes einzelnen Menschen sind nur teilweise deckungsgleich mit dem Absolutraum. Distanzen, Relationen und Beziehungen sind m.o.w. stark durch Filterung und Bewertung verändert. Dadurch wird die mental map zu einem Relativraum.
Ein typisches Beispiel für einen Relativraum wäre der 'manhattan space', d.h. die Verknüpfung von Orten in einem Netz orthogonaler Verbindungswege auf der Grundlage von im Lauf der Zeit erworbenen Kenntnissen über die günstigste Verbindung.

Die grundlegenden Gestalt-/Strukturelemente, die bei Lynchs Untersuchung verschiedener Städte (Boston, Jersey City, Los Angeles) erkannt wurden, lassen sich in fünf Typen gliedern:

  1. Wege,
  2. Grenzlinien (Ränder),
  3. Bereiche,
  4. Brennpunkte und
  5. Merk- oder Wahrzeichen.

Um Vorstellungen über mental maps zu bekommen, ist es sicherlich hilfreich, sich einmal selbst anhand eines vorgegebenen Beispiels eine Karte seiner Vorstellungswelt zu erarbeiten. Dazu ist es erforderlich, ein Beispiel auf einem Drucker auszugeben.


Lynchs Grundelemente

Wege

Wege bildeten für die Mehrzahl der Befragten die vorherrschenden Elemente der Stadt. Durch Wege (Straßen, Gassen, Gehwege, Trassen öffentlicher Verkehrsmittel...) bewegen sich die Bewohner regelmäßig, gelegentlich oder zufällig. Sie nehmen Stadt als eine Ansammlung von Gestaltelementen wahr, die entlang dieser Wege angeordnet sind.

In Abhängigkeit von der Kenntnis einer Stadt und dem Benutzen entsprechender Wege, werden Wege aufgrund ihrer markanten Eigenschaften (z.B. Straßenbreite, Verkehrsdichte, Art der Randbebauung) unterschiedlich häufig wahrgenommen bzw. wiedererkannt. Dabei ist die Betonung des Merkmals BREITE eines Weges von besonderer Bedeutung, weil mit Hilfe der Breite eines Weges automatisch Vermutungen über seine Bedeutung assoziiert werden, um z.B. Haupt- von Nebenstraßen zu unterscheiden.

Wichtig für das Wiedererkennen von Wegen sind vor allem auffallende Gebäude (oder Fassaden), weniger materielle Eigenschaften des Weges selbst, wie z.B. die Art des Belages oder die Randbepflanzung.
Nutzergruppenspezifische Wege wie z.B. Stadtautobahnen oder S-Bahnstrecken werden von Nicht-Nutzern in der Regel nicht, oder unvollständig wahrgenommen, bilden jedenfalls im räumlichen Vorstellungsbild des Nicht-Nutzers nicht als Weg ein Gestaltelement der Stadt.

Abb. 2
Abb. 2, Protokoll einer empirischen Erhebung am MIT

Besondere Bedeutung bekommen Wege darüberhinaus, wenn sie zugleich auch die Funktion einer Grenzlinie besitzen und Gebiete innerhalb der Stadt trennen. Ein Merkmal, das die Wichtigkeit von Wegen in der Vorstellungskraft der Beobachter ebenfalls entscheidend prägt, ist ihre Kontinuität bezüglich der Merkmale Durchgängigkeit und Bedeutung (wahrgenommen z.B. als Breite).
Die Kontinuität weiterer Merkmale wird zwar wahrgenommen, ist jedoch weniger wichtig.

Wie bereits erwähnt gibt es nutzergruppenspezifische Wege, die für die jeweiligen Nicht-Nutzer aus dem Wahrnehmungszusammenhang der Stadt herausgelöst sind. Sobald ein Nicht-Nutzer einen für ihn unspezifischen Weg (z.B. als Beifahrer in einem Auto auf einer von ihm normalerweise nicht genutzten Stadtautobahn) zurücklegt, kann er diesen Weg nicht mehr mit der Umgebung in Zusammenhang bringen, selbst wenn ihm die Umgebung eigentlich vertraut ist.

Wenn Befragte versuchen sollen, ein Netz ihnen vertrauter Wege in seinem Zusammenhang darzustellen, neigen sie häufig dazu, sich kreuzende Straßen unabhängig vom tatsächlichen Kreuzungswinkel wie in einem Schachbrettraster anzuordnen. Übergänge in der absoluten Welt von einem Rastersystem in ein eher ungeordnetes System rufen meist Verwirrung hervor.


Grenzlinien

Grenzlinien oder Ränder sind linienhafte Stadtelemente, die vom Beobachter nicht (oder nicht nur) als Wege benutzt oder bewertet werden. Sie trennen (unterschiedliche) Bereiche, sind Grenzen des Zusammenhangs. Neben einem trennenden Aspekt, wie z.B. der Grenze zwischen unterschiedlich dicht bebauten Bereichen, haben diese Ränder aber auch verbindende Funktionen, die als Säume/Nähte zwei Gebiete aneinanderfügen oder in Beziehung setzen. Wenngleich Ränder für die Beobachter keine so bedeutende Rolle wie die Wege spielen, sind sie vor allem dort ein wichtiges Gliederungselement, wo Bereiche/Regionen durch solche Grenzlinien zusammengefaßt werden.

Die Wichtigkeit von Grenzlinien wird nach dem Stärke des Unterschieds zwischen den getrennten Bereichen und nach ihrer Kontinuität bewertet. Häufig fallen Grenzlinien mit Verkehrstrassen insbesondere Straßen und Eisenbahnlinien zusammen.
Die Bedeutung von Kanten läßt sich bei der Darstellung von mental maps durch die Befragten erkennen. Lynch erwähnt das Beispiel Chicago, wo beim Zeichnen von mental maps beinahe immer mit der Grenze zwischen Stadt und Michigansee begonnen wird.
Chicago
Abb. 3, Chicago


Bereiche

Bereiche sind mittelgroße bis große, in der Vorstellungswelt zweidimensional abgebildete flächenhafte Abschnitte einer Stadt. Sie werden als Gebiete wahrgenommen, in die man hineingeht oder die man verläßt. Jedes dieser Gebiete hat in der Vorstellung einen 'individuellen' Charakter, der aus einem Merkmalskomplex heraus definiert wird. Dabei sind in der Regel die Bereich von 'innen' immer zu identifizieren, während sie von 'außen' nur dann als Gestalt-/Orientierungselement eine Rolle spielen, wenn sie über charakteristische Elemente 'von außen' zu erkennen sind (z.B. Hochhausbebauung in einem Hochhauskomplex, wie dem Märkischen Viertel in Berlin, der m.o.w isoliert in einem Stadtviertel liegt, vgl. 'natural areas').

Der Merkmalskomplex, der einen Bereich definiert, ist durch thematische Kontinuität geprägt. Elemente können sein:
  • Gliederungen,
  • Formen,
  • Details,
  • Symbole,
  • Gebäudetypen,
  • Nutzungsarten,
  • Einwohnerschaft,
  • Verkehr,
  • Gebäudezustand,
  • Topographie u.a.
Gerade die Einheitlichkeit von Fassaden im Hinblick auf Material, Traufhöhe, Erhaltungszustand und das Bild der Bewohnerschaft, soweit es im Straßenbild erkennbar ist, tragen maßgeblich dazu bei, Bereiche zu identifizieren.
Abb. 4, Protokoll einer empirischen Erhebung am MIT

Beispiel

Ein Bereich im Berliner Bezirk Kreuzberg, der "Wrangelkietz" ist nach außen eindeutig durch die Grenzlinien Görlitzer Bahnhofsgelände (Park), Skalitzer Straße bzw. Hochbahnviadukt der U-Bahnlinie 1 und die Schlesische Straße definiert, im Inneren gleichzeitig homogen bezüglich der beim Betreten erkennbaren Merkmale Baualter, Traufhöhe, Instandhaltungszustand, Gebäudenutzung und Bevölkerungsstruktur.

Die von Lynch geführten Interviews machen deutlich, das der Begriff der natural areas, der von den Soziologen der Chicagoer Schule geprägt wurde, sich im Vorstellungsbild der Befragten wiederfindet. Viele Leute assoziieren Bereiche, die für sie über die Abgrenzung mit Hilfe von Grenzlinien und interne Strukturhomogenität eindeutig identifizierbar sind, mit bestimmten sozialen und/oder ethnischen Merkmalen der Bewohnerschaft.
Nicht immer aber sind Bereiche eindeutig abgrenzbar und benennbar. Dies kann zum einen an unterschiedlichen Erfahrungen der Befragten (jemand, der einen Bereich abgrenzen soll, der außerhalb seines eigenen sozialen Kontextes liegt, findet andere Grenzen, als jemand, der sich selbst einem abzugrenzenden Bereich zuordnen kann) liegen, zum anderen aber auch an nicht eindeutigen Grenzlinien. So kann es sein, daß sich die Abgrenzungen von Bereichen in den Randzonen überschneiden.


Brennpunkte

Brennpunkte sind Zentralpunkte einer Stadt. Häufig sind sie Ziel oder Ausgangspunkt einer Bewegung im Stadtraum. Sie sind für den Beobachter zugänglich und werden häufig durch das Zusammentreffen mehrerer Straßen (Kreuzungen, Kreisverkehre) oder durch das konzentrierte Zusammentreffen einer Vielzahl von Merkmalen auf relativ kleinem Raum definiert.
Der Knotenpunkt - auch als Stelle von Fahrt-/Bewegungsunterbrechungen wahrgenommen - wird vom Beobachter als wichtig angesehen, weil er an dieser Stelle Entscheidungen treffen muß. Die Umgebung solcher bewußten Entscheidungspunkte wird dabei meist besonders deutlich wahrgenommen, so daß Befragte das Erreichen eines Bereiches meist mit dem Passieren eines Brennpunktes gleichsetzen. Typische Knotenpunkte können z.B. auch bestimmte U-Bahnstationen sein, wie Umsteigebahnhöfe oder Stationen, die mit besonders gestalteten Bereichen an der Oberfläche korrespondieren.


Merk- oder Wahrzeichen

Merk- oder Wahrzeichen fungieren als optische Bezugspunkte. Oft sind sie identisch mit besonders auffallenden Bauwerken (z.B. Türmen) oder Landschaftselementen. Charakteristischerweise verwenden Beobachter, die besser mit einer Stadt vertraut sind, ein ganzes Netz von Bezugspunkten für die Orientierung. Die Merkzeichen haben dabei den Charakter von etwas einmaligem, speziellem, das die Kontinuität der Umgebung durchbricht. Wichtige Merkzeichen, die von einem hohen Anteil von Befragten einer Stadt übereinstimmend genannt werden, haben meist eine einfache und klare Form (z.B. Eiffelturm, Siegessäule, Brandenburger Tor, Fernsehturm), sind auch aus der Distanz zu erkennen und weisen einen deutlichen Kontrast zur Umgebung auf.
Das räumliche Herausragen eines Merkzeichens kann einerseits durch eine unterschiedliche Höhe hervorgerufen werden, was das Erkennen auch aus der Distanz und damit den Bekanntheitsgrad steuert, andererseits allein durch den deutlichen Kontrast (z.B. ein "herausgeputztes" Gebäude in einer eher desolaten Umgebung oder das Gegenteil).
Als Beispiel für ein typisches Merkzeichen schreibt Lynch: "Der Dom zu Florenz ist das Musterbeispiel eines fernwirkenden Merk- oder Wahrzeichens: sichtbar von nah und fern, bei Tag und Nacht; unmißverständlich, in Größe und Umriß dominierend; eng mit der Tradition der Stadt verbunden, deren religiöser Mittelpunkt er ist und in deren Verkehrszentrum er liegt; mit dem Campanile schließlich so verbunden, daß der Betrachter daran von weitem seinen Standpunkt einschätzen kann. Man kann sich Florenz ohne dieses Bauwerk nicht vorstellen." (LYNCH, 1970: 100).


Beziehung der Grundelemente zueinander

Die Gesamtheit der Grundelemente fungiert als "Rohmaterial", aus dem sich in der Vorstellungswelt des Beobachters das Image einer Stadt zusammensetzt. Erst aus der Kombination der Merkmale und ihrer Beziehung untereinander ergibt sich eine räumliche Wirkung, die sich in Form einer mental map darstellen läßt. Verschiedene Grundelemente können dabei sowohl synchron einen Gesamteindruck erzeugen, als auch durch kontrastierende Wirkung Eindrücke der jeweiligen Einzelelemente unscharf machen.
So kann z.B. ein großes Wahrzeichen einen "an sich" durchgängigen Weg in zwei Teilbereiche trennen. Als ein typisches Beispiel für einen verstärkenden Effekt könnte für Berlin die Gedächtniskirche mit der Assoziation der "City West" angeführt werden, während der Fernsehturm auf dem Alexanderplatz einen vergleichsweise unbedeutenden und unscharfen Raum zu markieren scheint.
Gleichzeitig weisen bestimmte Grundelemente erst in einer typischen Kombination raumprägende Eigenschaften auf, so z.B. die Kombination aus Wegen und Brennpunkten. Die meisten Beobachter fassen anscheinend die erkannten Elemente in größeren Anordnungen zusammen, die man als "Vorstellungskomplexe" (LYNCH, 1970: 103) bezeichnen könnte. Wichtige Eigenschaft von Vorstellungskomplexen und Images ist ihre Veränderbarkeit im Zeitverlauf: Der Charakter eines Bereiches kann beispielsweise innerhalb eines Jahrzehnts starken Veränderungen unterworfen sein (z.B. Gentrification eines Stadterneuerungsgebietes), seine Abgrenzung kann sich verändern. Zugleich kann auch die Hierarchie von Stadtbereichen Veränderungen unterworfen sein. Andererseits können bestimmte Bezugspunkte ihren Charakter auch im Wandel beibehalten, wie z.B. der "Anhalter Bahnhof" in Berlin.
Auskunft über die Beziehung der Grundelemente kann das Vorgehen beim Skizzieren einer mental map geben:

  1. Häufig wird das Image entlang von bekannten Bewegungsrichtungen entwickelt.
  2. Viele Beobachter beginnen eine Skizze mit Grenzlinien, die Bereiche abgrenzen, wie z.B. der Uferlinie eines Gewässers.
  3. Andere Beobachter beginnen mit dem Skizzieren der zugrundeliegenden Struktur, wie z.B. einem orthogonalen Straßenraster.
  4. Typisch ist auch das Ausgehen von einem vertrauten Zentralpunkt, von dem aus alle weiteren Bereiche und Beziehungen definiert werden.

Die Gesamtheit aller in einer mental map darstellbaren und dargestellten Grundelemente war bei den meisten Probanden von Lynchs Untersuchungen verzerrt, wies aber eine starke topologische Übereinstimmung mit der Realität auf. Die entstehenden Planskizzen hatten z.T. den Charakter von Stadtplänen, die auf ein beliebig dehnbares Gummituch projiziert und dann gedehnt wurden.


Übertragung des Perzeptionsansatzes auf geographische Fragestellungen

Lynch verband mit seinen Studien die Hoffnung, aus ihnen eine empirisch begründbare, "richtige" Stadtplanung herleiten zu können. Die Qualitäten geplanter Räume wollte er vor allem an deren Merkmalen Eindeutigkeit und Klarheit messen.
Geographen, wie z.B. HÄGERSTRAND und DOWNS/STEA wandten perzeptionstheoretische Überlegungen auf geographische Fragestellungen an. Fragen zur relativen Wahrnehmung von Räumen, soweit diese sich in der Vorstellungswelt von Menschen abbilden lassen, wurden u.a. im Zusammenhang mit Untersuchungen zu Interaktionen, räumlicher Diffusion und der Imageanalyse untersucht. Insbesondere im sozialwissenschaftlich orientierten Bereich der Geographie wird seither der Relativraum als der eigentliche "Normalraum" betrachtet.

[cb]


Literatur zu diesem Kapitel: