Zentralität und zentrale Orte

Die Verteilung von Siedlungen im Raum

Zur Erklärung der Lage und Verteilungen menschlicher Siedlungen wurde eine große Zahl unterschiedlicher geographischer Untersuchungsansätze entwickelt und verfolgt. Ausgehend von einer zunächst nur den absoluten Standort erklärenden eher physisch-geographisch basierten Betrachtung (Festungsstädte, Hafenstädte, Bergbaustädte etc.), fanden bald auch Erklärungsansätze, die die Größe und Rangfolge von Städten und Städtesystemen in die Erklärung mit einbezog, größeres Interesse. Zunächst interessierte der Aspekt der Stadtgrößen und ihrer Verteilung die Forscher. Der deutsche Geograph Felix Auerbach veröffentlichte 1913 seine Ergebnisse aus der empirischen Untersuchung einer Vielzahl von Städten und ihrer Einwohnerschaft. Diese seitdem als Rang-Größen-Regel oder Rank-Size-Rule bezeichnete Gesetzmäßigkeit besagt:
Wenn man die Städte eines Landes nach der Zahl ihrer Bewohner in eine Reihenfolge bringt, dann entspricht die Relation der Einwohnerzahlen der Städte untereinander dem umgekehrten Verhältnis ihrer Rangfolge, d.h.
die zweite Stadt hat nur halb so viele Einwohner wie die erste Stadt,
die dritte Stadt hat ein Drittel der Bevölkerung der ersten Stadt usw.

Stellt man das Städtesystem eines Landes mit den nach Rangfolge sortierten Städten und deren Einwohnerzahlen graphisch dar, ergeben sich charakteristische Kurven, die sich bei den Untersuchungen Auerbachs bei verschiedenen Länder sehr ähnelten. Aus dieser (scheinbaren) Gesetzmäßigkeit versuchte man allgemeingültige Entwicklungsgesetze für Städtesysteme herzuleiten. Man nahm eine Zeit lang an, daß kleinere Städte eines Landes sich stets in Relation zur größten Stadt entwickelten, hatte jedoch zunächst keinen Erklärungansatz dafür, der z.B. eine funktionale Differenzierung der Städte einbezog. Abb.1
Abb.1 Rang-Größen-Regel
Im Verlaufe der weiteren Erforschung von Rang-Größen-Beziehungen und im Zuge der weiteren urbanen Entwicklung im 20. Jahrhundert wurde festgestellt, daß sich die Städtesysteme bestimmter Regionen anders verhielten, als die Städtesysteme in anderen Regionen. Während in frühindustrialisierten Ländern die Unterschiede zwischen den Bevölkerungpotentialen der größten Städte geringer waren als es die Regel besagte, war der Abstand zwischen der größten Stadt und den Folgestädten in außereuropäischen Ländern größer als es der in Abb. 1 dargestellten Beziehung entsprochen hätte (vgl. Abb.2). Abb.2
Abb.2 Rang-Größen-Proportionen unterschiedlicher Länder in doppellogarithmischer Darstellung

Bei der Suche nach neuen Erklärungsansätzen für die Bedeutung einer Stadt im Städtesystem und für die Erklärung ihrer Lage, rückte in den dreißiger Jahren die Untersuchung von funktionalen Differenzierungen und ökonomischen Beziehungen ins Zentrum des wissenschaftlichen Interesses.


Das Zentrale Orte Modell von W. Christaller

Die Frage nach der Ordnung von Siedlungen im Raum und den Kräften, die diese Ordnung bewirken, untersuchte auch der deutsche Geograph Walter Christaller in seinem 1933 publizierten Werk "Die zentralen Orte in Süddeutschland. Eine ökonomisch-geographische Untersuchung über die Gesetzmäßigkeiten der Verbreitung und Entwicklung der Siedlungen mit städtischen Funktionen.". Er stellte seiner Untersuchung folgende Definitionen voran:

Christaller bestimmte die Zentralität oder den Bedeutungsüberschuß einer Stadt als das Verhältnis zwischen den Diensten, die insgesamt bereitgestellt werden (für die Stadt und ihr Ergänzungsgebiet) und den Diensten, die nur für die Stadtbewohner selbst benötigt werden (Differenz=Bedeutungsüberschuß). Je höher die Zentralität einer Stadt, desto größer ist die Anzahl von Dienstleistungen je Bewohner. Die Theorie der zentralen Orte ist im engeren Sinne eine Standorttheorie für den tertiären Wirtschaftssektor.

Als empirischen Ansatz für die Verifizierung seiner Hypothese wählte Christaller eine Untersuchung der Zahl der Telephonanschlüsse einer Stadt, die er in Relation zur Einwohnerzahl und der durchschnittlichen Zahl von  Telephonanschlüssen je Einwohner im Ergänzungsgebiet setzte.

Erste Erweiterungen des theoretischen Ansatzes im Hinblick auf die Herleitung einer allgemeingültigen Theorie erfuhren die Überlegungen durch die Einführung der Begriffe Umsatzschwelle und Reichweite von zentralen Gütern.
Die an den zentralen Orten angebotenen Güter und Dienstleistungen haben jeweils unterschiedlich große Marktgebiete. Neben Angeboten, die fast täglich nachgefragt werden, gibt es andere, die wesentlich seltener in Anspruch genommen werden. Je häufiger nun ein zentrales Gut in Anspruch genommen wird, desto weniger werden die Nachfrager bereit sein, größere Distanzen für die Inanspruchnahme zurückzulegen. Ein solches Gut niedrigerer Ordnung muß daher auch an Orten mit geringer Zentralität angeboten werden.
Je seltener ein Gut nachgefragt wird, desto wahrscheinlicher ist es auf der anderen Seite, daß die Nachfrager für seinen Erwerb auch größere Entfernungen zurücklegen. Solche Güter höherer Ordnung werden daher nur an Orten höherer Zentralität angeboten. Dies ist allein deshalb zu erwarten, weil das Anbieten eines zentralen Gutes die Abnahme einer Mindestmenge voraussetzt, um rentabel sein zu können.
Zwei Reichweiten müssen für jedes zentrale Gut unterschieden werden:

  • Unter einer Umsatzschwelle wird der marktbedingte Schwellenwert verstanden, unterhalb dessen ein Ort eine Ware nicht mehr liefern kann, also Nachfrage und Verkaufsvolumen zu gering sind, um einen ausreichenden Gewinn zu erzielen (Untergrenze).
  • Unter der Reichweite eines zentralen Gutes wird die Obergrenze seines Marktgebietes verstanden. Sie entspricht der Entfernung, außerhalb derer der zentrale Ort das Produkt nicht mehr verkaufen kann (die Konsumenten sind nicht bereit, noch längere Wege zurückzulegen).
Abb.3
Abb.3: Äußere und innere Reichweite eines zentralen Gutes
Unter der Annahme, daß die Verkehrsverbindungen im theoretischen Fall in alle Richtungen gleich gut sind, sind obere und untere Reichweite kreisförmig abgegrenzt mit dem zentralen Ort im geometrischen Mittelpunkt. Da sich die äußeren Reichweiten benachbarter Orte einerseits nicht überschneiden werden (Teile der Ergänzungsgebiete würden sonst ja doppelt versorgt) und die zentralen Orte andererseits untereinander gleichmäßige und möglichst geringe Abstände voneinander haben sollen (unversorgte Bereich dürfen nicht auftreten), ergibt sich eine Anordnung der zentralen Orte in einem regelmäßigen Dreiecksgitternetz mit hexagonalen Ergänzungsgebieten um jeden Ort (vgl. Abb. 4), denn nur so läßt sich ein Gebiet lückenlos und ökonomisch möglichst rationell versorgen. Abb.4
Abb.4: Anordnung zentraler Orte im Raum bezogen auf ein zentrales Gut

Für ein idealtypisches Modell (vgl. Modellbegriff) müssen einige Rahmenbedingungen ausgeklammert werden. Christaller setzte daher die folgenden Eigenschaften des betrachteten Raumes und seiner Bewohner voraus:

  1. Auf einer (unbegrenzten) homogenen Ebene besteht eine gleichmäßige Verteilung der Bevölkerung und der Kaufkraft.
  2. Zentrale Güter werden im jeweils nächstgelegenen zentralen Ort erworben, d.h. die Verbraucher handeln streng rational und erwerben auch stets nur ein Gut pro Einkaufsfahrt (keine multi-purpose-trips).
  3. Es existiert ein einheitliches Transportsystem, dessen Transportkosten proportional zur zurückzulegenden Entfernung sind.
  4. Alle Teile der Ebene müssen versorgt sein.
  5. Bei den Verbrauchern gibt es kaum Ortsveränderungen - die Nachfrage für einen gegebenen zentralen Ort bleibt also konstant.
  6. Keiner der zentralen Orte erzielt übermäßige Gewinne, Agglomerationsvor- und -nachteile bleiben unberücksichtigt.

Unter den genannten Bedingungen und einer vollkommenen Wettbewerbssituation ergibt sich eine maximale Anzahl von zentralen Orten, die die Ebene bedienen, wobei hexagonale Ergänzungsgebiete gleicher Größe entstehen, wenn gleichrangige zentrale Güter zu gleichen Preisen angeboten werden.
Aus dem bisher Gesagten lassen sich unterschiedliche Hierarchieniveaus herleiten, wenn man die Größe der Einzugsgebiete variiert, also Güter unterschiedlicher äußerer und innerer Reichweite betrachtet (verschiedene zentrale Güter). Je größer ein Ergänzungsgebiet (der Marktbereich eines gegebenen zentralen Gutes), desto höher die Zentralität des zugehörigen (dieses Gut anbietenden) zentralen Ortes.

Ausgangspunkt des Christallerschen Systems sind die B-Orte, in denen ein zentrales Gut mit der zunächst größten oberen Reichweite produziert und angeboten wird. Für alle Güter niedrigerer Ordnung ergibt sich die Notwendigkeit, neue Produktions- und Angebotsstätten zu errichten, also zwischen den B-Orten weitere Orte (K-Orte) zu gründen, die die lückenlose Versorgung der Bereiche zwischen den B-Orten mit Gütern niedrigerer Ordnung gewährleisten. Zwischen drei B-Orten entsteht je ein K-Ort, somit um einen B-Ort sechs K-Orte (vgl. Abb. 5). Nach dem gleichen Prinzip entstehen zwischen den K-Orten A-Orte, die wiederum von M-Orten (in Abb. 5 nicht dargestellt) umgeben sind. Im Zentrum von sechs B-Orten entsteht zusätzlich ein neuer Ort (G-Ort) des nächsthöheren Zentralitätsgrades (in Abb. 5 nicht dargestellt). Abb. 5
Abb. 5: System zentraler Orte unterschiedlicher Hierarchiestufen

Insgesamt konnte Christaller in seiner Arbeit über Süddeutschland 7 (10) Hierarchiestufen von zentralen Orten unterscheiden, die von Einwohnerzahlen um 800 Einwohner bei der niedrigsten Stufe (M-Ort, Marktort) bis hin zu 500.000 Einwohnern bei der höchsten Stufe (L-Ort, Landstadt) reichten (ergänzt für Gesamtdeutschland bis hin zu 4.000.000 Einwohnern für die Hauptstadt Berlin).
Diese von Christaller empirisch (s.o.) nachgewiesene Anordnung von zentralen Orten auf der Grundlage des Angebots von bzw. der Versorgung mit zentralen Gütern zeigt die Abb. 6 für den süddeutschen Raum.


Abb.6
Abb. 6: System der zentralen Orte in Süddeutschland (Quelle: Christaller, verändert)

Folgende Eigenschaften dieses Systems zentraler Orte lassen sich festhalten:

  1. Alle Städte der gleichen Zentralitätsstufe sind gleichmäßig über ein gegebenes Gebiet verteilt.
  2. Die Entfernung zwischen den zentralen Orten wird durch ihr jeweiliges Ergänzungsgebiet bestimmt.
  3. Jede Stadt erzeugt stets alle Güter und Dienstleistungen, die von anderen Städten mit gleicher oder niedrigerer Zentralität angeboten werden - es gibt keine Spezialisierungen.
  4. Neue Städte einer niederen Ordnung entstehen jeweils im Mittelpunkt eines gleichseitigen Dreiecks, das zwischen drei Orten des nächsthöheren Zentralitätsniveaus aufgespannt ist.
  5. Die Hierarchie aller Marktgebiete folgt der geometrischen Reihe 1, 3, 9, 27, ... Die Gesamtzahl der Marktgebiete verdreifacht sich also mit jeder Verringerung des Zentralitätsniveaus.

Aus diesem, strikt ökonomisch aufgebauten Versorgungsprinzip, leitete Christaller später zwei alternative Strukturprinzipien ab, die jeweils unterschiedliche Zahlen von zentralen Orten niedrigerer Hierarchie im Bezug auf einen Ort höherer Zentralität aufweisen und anders strukturierte Systeme zentraler Orte aufbauen.

Hier die drei Strukturkonzepte im Vergleich:
Marktprinzip
[k=3]:
(1 + 6 × 1/3)
Das Angebot von zentralen Gütern ist so nah wie möglich bei den zu versorgenden Orten (Dreiecksgitternetz). Ein zentraler Ort höherer Ordnung versorgt sich selbst und zwei Nachbarorte niedrigerer Ordnung. Abb.7
Abb. 7
Verkehrsprinzip
[k=4]:
(1 + 6 × ½)
Hier sind die Grenzen der Ergänzungsgebiete so angeordnet, daß ein leistungsfähigeres Verkehrssystem entstehen kann. Es liegen daher so viele Orte niedrigerer Zentralität wie möglich auf den Verkehrsverbindungen zwischen Orten höherer Zentralität. Ein zentraler Ort höherer Ordnung versorgt sich selbst und zusätzlich drei Orte niedrigerer Zentralität. Abb. 8
Abb. 8
Verwaltungsprinzip
[k=7]:
(1 + 6 × 1)
Um eine optimale Absonderung der Orte niedrigerer Zentralität zu erreichen, so daß jeder Ort niedrigerer Zentralität eindeutig in das Einflußgebiet eines einzigen Ortes höherer Zentralität fällt, werden die Abgrenzungen der Ergänzungsgebiete so gelegt, daß ein Ort höherer zentraler Ordnung sechs Orte niedrigerer Zentralität versorgt (verwaltet). Abb.
9
Abb. 9

Allen diesen Prinzipen ist gemeinsam, daß die Beziehungen zwischen den Orten für alle Zentralitätsstufen jeweils einheitlich sind, ein Gebiet also nur nach einem Prinzip (z.B. dem Verwaltungsprinzip) strukturiert sein kann.


Kritik am Christaller-Modell

Das theoretische Modell Christallers wurde ab den 40er Jahren in den USA und etwa seit den 60er Jahren auch in Deutschland häufig für strukturpolitische Entscheidungen herangezogen. Schon früh setzte jedoch auch die inhaltliche und methodische Kritik an seinem Modell ein. Zumeist wurde der berechtigte Vorwurf erhoben, daß Modell sei zu starr und die Modellrestriktionen seien zu weit von der Realität entfernt (der rationale, allwissende Verbraucher existiert z.B. ebensowenig wie ein Verhalten, das jeweils nur einen Versorgungszweck pro Einkaufsfahrt zuläßt). Christaller selbst benannte Fehlerquellen in der von ihm eingesetzten empirischen Methode.
Folgende Einwände lassen sich zusammenfassen:

Ein Großteil dieser Einwände wurde von A. LÖSCH bei der Formulierung seiner auf "Marktnetzen" beruhenden Standorttheorie berücksichtigt.


Alternative empirische Untersuchungsansätze

Spätere Arbeiten gingen methodisch anders vor. Neben Untersuchungen, die auf Daten der amtlichen Statistik aufbauten (z.B. Beschäftigtenzahlen in unterschiedlichen Wirtschaftszweigen, Pendlerströme etc.), wurde zumeist die, auch von BOUSTEDT für die zentralörtliche Gliederung des bundesrepublikanischen Siedlungssystems verwendete Ausstattung der zentralen Orte verwendet.

Bei dieser Untersuchung der Angebotsseite wird das Einzelhandels- und Dienstleistungsangebot der Ortschaften auf das Vorhandensein spezifischer Versorgungsangebote für eine bestimmte Zentralitätsstufe hin untersucht. Vor allem die Schwierigkeit, einen Ausstattungskatalog für jede Hierarchiestufe a priori definieren zu müssen sowie die eindeutige Abgrenzung der Hierarchiestufen untereinander, erschweren Analysen mit diesem methodischen Ansatz.
Untersuchungen, die demgegenüber von der Nachfrageseite ausgingen, erhoben zumeist mit Hilfe von Fragebögen, das Verhalten von Konsumenten. Neben der Erfassung des Einzugsbereiches bestimmter zentralörtlicher Güter/Institutionen läßt sich so auch das Konsumentenverhalten insgesamt realistischer erfassen. Nachteilig bei dieser Methode ist der vergleichsweise hohe Aufwand, der lediglich eine Untersuchung der zentralörtlichen Beziehungen einer begrenzten Zahl von Ortschaften sinnvoll erscheinen läßt. Zwei Erhebungsalternativen sind möglich:

  1. Man erfaßt die Konsumenten am Zielort und fragt vor allem nach dem Motiv des Besuchs, der Frequenz und nach dem Herkunftsort.
  2. Man befragt Bewohner von zentralen Orten ausgehend von der niedrigsten Hierarchiestufe nach dem Ort der Nachfrage spezifischer Güter/Dienstleistungen (z.B. "Wo gehen Sie täglich einkaufen?", "Wo gehen Ihre Kinder zur Schule?" etc.).

Eine weitere Alternative zur Bestimmung von Zentralität geht von der Messung des Interaktionsvolumens (z.B. Pendlerströme) zwischen den zu untersuchenden Orten aus. Nachteilig ist hierbei der sehr hohe Erhebungsaufwand, so daß sich dieses Verfahren nur zur Untersuchung der Zentralitätsniveaus weniger Orte eignet.


Innerstädtische Zentralität

Neben den vielfältigen Untersuchungen auf der Mesoebene wurden etwa seit den 70er Jahren auch eine Anzahl von Untersuchungen auf der Mikroebene der Subzentrenhierarchie von Großstädten vorgenommen. Auch für (West)Berlin sind eine Anzahl von Untersuchungen über die Lage und Reichweite der Zentren und Subzentren angefertigt worden, die z.T. auch Eingang in die Stadtplanung gefunden haben (vgl. Erläuterungsberichte zu Flächennutzungsplanungen z.B. FNP'94). Auch hier gibt es Untersuchungsansätze, die von der Angebots- und solche, die von der Nachfrageseite ausgehen.
Neben der Einordnung in eine Zentrenhierarchie stehen bei innerstädtischen Zentralitätsuntersuchungen vor allem Fragen der Abgrenzung im Vordergrund, so daß Nutzungs- und Angebotskartierungen beinahe immer mit einer derartigen Untersuchung verbunden sind.


Anwendungen von Zentralitätsanalysen

Die aus Christallers Theorie abgeleiteten Erkenntnisse und die Weiterentwicklung seiner Ausgangsüberlegungen gewannen in Deutschland erst mit einer zeitlichen Verzögerung von etwa 20 Jahren an Bedeutung. BOUSTEDT untersuchte beispielsweise auf der Grundlage der Arbeitsstättenzählung von 1950 mit statistischen Untersuchungsverfahren zentrale Orte in Bayern. Es wurden von ihm zwei Faktoren zur Zentralitätsmessung unterschieden:

In einer späteren Untersuchung verwendete Boustedt ein empirisches Verfahren, mit dem er die Konzentration bzw. das Vorhandensein von insgesamt 21 zentralen Institutionen erhob.

Auf der Grundlage eines gänzlich anderen methodischen Konzeptes - der Erhebung der Inanspruchnahme zentraler Güter und Dienstleistungen ausgehend vom Ergänzungsgebiet - wurde in der Bundesrepublik Deutschland 1966-68 als Gemeinschaftsaufgabe des Zentralausschusses für deutsche Landeskunde, der geographischen Hochschulinstitute und des Instituts für Landeskunde eine funktionalräumliche Gliederung erarbeitet. Bei dieser "empirischen Umlandmethode" wurden zentrale Orte aufgrund ihrer tatsächlichen Inanspruchnahme durch die Bevölkerung des Umlandes mit dem Ziel der Erarbeitung strukturpolitischer bzw. raumordnerischer Maßnahmenvorschläge unterschieden. Es wurden vier Haupt- oder Normalstufen unterschieden:
  1. zentrale Orte unterster Stufe dienen zur Deckung des allgemeinen täglichen (kurzfristigen) Bedarfs.
  2. zentrale Orte mittlerer Stufe decken den allgemeinen periodischen und den normalen gehobenen Bedarf.
  3. zentrale Orte höherer Stufe dienen zur Versorgung mit Gütern des allgemeinen episodischen und des spezifischen Bedarfs.
  4. zentrale Orte höchster Stufe sind überregionale Verwaltungs-, Wirtschafts- und Kulturzentren.

Landesentwicklungsplan Brandenburg I (Quelle: Raumordnungsbericht 1998:32, bearbeitet)

Für die neuen Bundesländer wurde das Prinzip der zentralörtlichen Gliederung nach der Wiedervereinigung übernommen. In der obigen Karte wird das für die gemeinsame Landesplanung Berlin-Brandenburg gewählte Leitbild der dezentralen Konzentration deutlich.
Es wurden 876 zentrale Orte und 44 Selbstversorgerorte ausgewiesen und kartiert. Insgesamt gab es in der alten Bundesrepublik 54 zentralörtliche Bereiche höherer Stufe und 635 zentralörtliche Bereiche mittlerer Stufe.
Vereinzelt wurden zentralörtliche Untersuchungen auch im Rahmen der Erschließung eingesetzt, wie z.B. in den Niederlanden bei der siedlungsstrukturellen Planung nach Maßnahmen der Neulandgewinnung.

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Literatur zu diesem Kapitel:
HAGGET, P. (19912) Geographie - Eine moderne Synthese. Stuttgart.
HEINRITZ, G. (1979) Zentralität und zentrale Orte. Stuttgart.