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Einige Zeitungsschlagzeilen im Deutschland des Jahres 2001: "Wir müssen uns öffnen" (Die Zeit 28/2001 vom 12.07.2001) "Verzweifelt gesucht: mehr Menschen" (Die Zeit 18/2001) "Deutschland muss Einwanderungsland werden" (Auftakt einer SPIEGEL-ONLINE-Serie über die Herausforderungen durch eine neue Einwanderungspolitik) "Wir werden immer weniger!" (Welt vom 09.03.2001) "(...) Die neuesten Prognosen erwarten für das Jahr 2050 eine Weltbevölkerung von 8,9 Mrd. Menschen (1998: 5,9 Mrd.). Sie sind gegenüber vorhergehenden Prognosen erneut nach unten korrigiert worden. Die Prognose aus dem Jahr 1996 hatte für Mitte des nächsten Jahrhunderts noch 9,4 Mrd. Menschen erwartet, eine noch ältere Prognose von 1994 sogar 9,8 Mrd. (...)" (UNO: Neue Projektionen zur Weltbevölkerung) |
Voraussagen über die Zukunft zu machen, ist ein häufig an
Wissenschaftler gerichtetes Anliegen.
Voraussagen sind allerdings eine "unsichere Angelegenheit" vor allem solche, die sich auf eine fernere Zukunft beziehen. Zwar sind Prognosen der
Bevölkerungszahlen - unter Vernachlässigung von Kriegen und
Naturkatastrophen - für Zeiträume von beispielsweise 20 Jahren recht genau möglich, denn die Mehrzahl der Menschen, die in 20 Jahren in einem Gebiet leben wird, ist zum Prognosezeitpunkt ja bereits geboren. Je weiter in die Zukunft eine Voraussage reichen soll, desto weniger wahrscheinlich wird jedoch das genaue Eintreffen des Prognoseziels und desto modellhafter werden die Aussagen.
Für politische und/oder wirtschaftliche Entscheidungen sind gleichwohl auch Prognosen mit einer nicht hundertprozentigen Eintrittswahrscheinlichkeit eine relevante Diskussionsgrundlage. Geographisch relevant sind dabei Aussagen, die nach Teilräumen differenzieren. Die größte Dynamik von kurzfristigen Veränderungen auf der Erdoberfläche weisen naturgemäß Bevölkerungsprozesse auf.
Eine Vielzahl von Planungen beruht auf m.o.w. exakten Zahlenangaben für die Bevölkerung oder Teilpopulationen eines Raumes oder einer Raumeinheit. Da Planungen auf zukünftige Entwicklungen Bezug nehmen, für die keine genauen Angaben existieren können, muß mit geeigneten Verfahren aus Erkenntnissen der Vergangenheit und Gegenwart auf die Zukunft geschlossen werden.
Als Basis für Aussagen über zukünftige Zustände eines bekannten Systems lassen sich grundsätzlich vier Typen von Prognosemethoden unterscheiden:
| Delphi-Prognosen | erlauben relativ detaillierte Aussagen über die Zukunft mittels eines Querschnittes durch eine Anzahl (verschiedener) Expertenmeinungen zu einem bestimmten Thema, die zumeist als bedingte Annahmen in ein mathematisches (wahrscheinlichkeitstheoretisches) Modell einfließen. |
|---|---|
| Projektionen | sind Verallgemeinerungen von vergangenen oder aktuellen Entwicklungen auf die Zukunft. Wenn eine Bevölkerung zum Prognosezeitpunkt wächst, geht man davon aus, daß sie dies auch in der Zukunft tun wird bzw. eine geringe Wahrscheinlichkeit besteht, daß abrupt das Gegenteil eintreten wird. |
| Szenarios | sind Abbildungen zukünftiger Zustände eines Systems, deren Konstruktion eher auf Argumentationsketten als auf beobachteten Kausalbeziehungen beruht. |
| Simulationen | sind mitunter komplexe Abbildungen der aktuellen Realität in einem mathematischen Modell (zumeist in Form von Computerprogrammen realisiert). Ausgehend von der Anpassung des Modells an eine möglichst präzise Darstellung der aktuellen Zustände eines Systems (z.B. Bevölkerung eines Landes), versucht man über die Veränderung einzelner Modellparameter (wie z.B. Geburtenrate im Falle einer Bevölkerungssimulation) zukünftige Systemzustände vorherzusagen. |
Bevölkerungsprognosen bedienen sich mathematischer Modelle (vgl. Einleitung). Das einfachste Modell zur Prognose - mit dem sich einfache deterministische Aussagen für eine Region treffen lassen (wenn die Größenordnung für natürliche und räumliche Mobilität bekannt sind) - ist die demographische Grundgleichung.
Auch komplexere mathematische Prognosemodelle lassen sich unterscheiden in deterministische Modelle und probabilistische Modelle. Für Prognosen werden verschiedene Formen der probabilistischen Modelle verwendet. Diese lassen sich weiter unterscheiden in extrapolierende Modelle und Konditionalmodelle. Bei den für Bevölkerungsfragen häufiger verwendeten Konditionalmodellen werden zunächst Kausalketten definiert. Durch die Verkettungen von Annahmen (wie z.B. wenn 'x' auftritt muß 'y' folgen) wird versucht, aus der Vergangenheit bekannte Wirkmechanismen nachzubilden (bedingte Annahmen).
Ein Beispiel für eine Projektion mit Hilfe zweier bedingter Annahmen gibt HAGGETT (1991:725).
Demographische Prognosemodelle benötigen im Minimum - wie auch die demographische Grundgleichung - Angaben über die Ausgangspopulation, die Zahl der Geburten und die Zahl der Sterbefälle sowie die Zahl der Immigranten und die Zahl der Emigranten für die zu untersuchende Region. Für eine Berechnung über einen Zeitraum weniger Jahre würde dieses Schema möglicherweise genügen, doch für exakte Langzeitprognosen sind umfangreichere Differenzierungen erforderlich.
lassen dann schon differenziertere Operationalisierungen zu. Doch auch mit dieser größeren Anzahl von Parametern wären lediglich extrapolierende Aussagen und damit lineare Entwicklungen prognostizierbar.
Um genauere Modelle erstellen zu können sind zusätzlich Annahmen über den Verlauf der zukünftigen Entwicklung der Modellparameter erforderlich:
Mit diesem Ansatz sind aber immer noch nur summarische Veränderungen für ein Land / eine Region insgesamt vorherzusagen. Zusätzlich - und im Falle des nun folgenden exemplarischen Falls Bundesrepublik Deutschland - will man ja auch Prognosen über die Verteilung der Bevölkerung im Raum treffen, was eine Vielzahl planungsrelevanter Fragen berührt. Man muß daher zu den bisher erwähnten Parametern auch noch Parameter für die Binnenwanderung in das Modell einfügen.
Es müssen dazu bedingte Annahmen über die Ausgangsgröße und Entwicklung von Kernparametern getroffen werden. Die Festlegung der Basisparameter geschieht häufig in Form des Delphi-Verfahrens, d.h. einer Expertenrunde, die im Rahmen einer Diskussion oder standardisierten Befragung Einschätzungen über Größe und Veränderung der interessierenden Zahlenwerte trifft. Für die einzelnen Komponenten der Bevölkerungsentwicklung (Geburten, Sterbefälle, Binnen- und Außenwanderung) werden zentrale Parameter bestimmt:
| Geburten: | Es gibt verschiedene Erklärungsmodelle zur Fertilität, die auf ökonomischen oder sozialen Theorien aufbauen. Diese sind aber nur zum Teil prognosefähig:
Einflußfaktoren sind u.a.
Es werden außerdem deutliche Unterschiede in der Entwicklung der Fertilität zwischen alten und neuen Bundesländern angenommen (im Westen stabilisierte bzw. leicht steigende Geburtenraten, im Osten dagegen werden die nach der Wende dramatisch eingebrochenen Geburtenraten (1989: 200.000 Geburten, 1992: 87.000 Geburten) vorerst nicht wieder ansteigen, vermutlich sogar noch weiter abnehmen. Insgesamt für das Ergebnis dominierend ist jedoch vor allem die Tatsache, daß die durchschnittliche Kinderzahl je Frau in Deutschland (1,3 bis 1,5) weltweit zu den niedrigsten gehört und damit die Zahl junger Menschen auf längere Sicht weiter abnimmt. Es werden seit etwa 1970 (Ende des Babybooms) in Deutschland deutlich weniger Menschen geboren als zur Beibehaltung der Gesamtzahl der Einwohner erforderlich wäre.
Quelle: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, 2000 |
|---|---|
| Sterblichkeit: | Größenordnungen für eine
zukünftige Sterblichkeit sind deutlich schwieriger zu schätzen als Geburtenfälle, weil eine Vielzahl biologisch-genetischer,
sozioökonomischer, natürlicher und gesellschaftlicher
Einflußfaktoren eingehen müssen, die im einzelnen auf ihre Zusammenhänge und den Einfluß auf die Sterblichkeit noch nicht vollständig untersucht sind bzw. deren Erforschung z.T. aus Gründen des Datenschutzes nicht möglich ist/war (z.B. Krebsregister). Es lassen sich allerdings regionale Unterschiede in der Sterblichkeit feststellen, die mit bestimmten Strukturmerkmalen korrelieren (Dies heißt übrigens nicht, daß hiermit Erklärungen möglich sind). Als Annäherung werden zum einen Vergleiche mit anderen Regionen der Erde für den Prognoseansatz eingesetzt, zum anderen die mittlere Lebenserwartung als Integral über die nicht näher fassbaren Einzelgrößen eingesetzt. Die durchschnittliche Lebenserwartung in den Industrieländern - so auch in Deutschland - nimmt seit Jahrzehnten zu. Sie beträgt in Deutschland für Männer gegenwärtig 74,4 Jahre und für Frauen 80,5 Jahre (Quelle: Stat. Bundesamt, 2000). Kurz gesagt bedeutet dies, daß immer mehr Menschen ein hohes Alter erreichen, wobei die Entwicklung in Ostdeutschland, mit aktuell noch niedrigeren Durchschittswerten, sich der Entwicklung in Westdeutschland weiter angleichen wird. |
| Binnenwanderung: | In den alten Ländern war vor der Wende die - zwar abnehmende - Mobilität höher als in den neuen Ländern. Mit der Grenzöffnung haben sich die Wanderungsverflechtungen grundsätzlich verändert. Die Veränderung der Wanderungsmuster hat sich bisher nicht stabilisiert. Für die BRD insgesamt sind Ost-West-Wanderungen und West-Ost-Wanderungen die bedeutsamsten Ströme. Dies wird nach Ansicht der befragten Experten vorerst so bleiben. Dabei wird die Mobilität überwiegend von den jüngeren Altersgruppen getragen. Bei West-West-Wanderungen wird von einem weiterhin sinkenden Mobilitätsniveau ausgegangen. Ost-Ost-Wanderungen werden dagegen vermutlich ein steigendes Mobilitätsniveau erzeugen, weil der sich allmählich neu entwickelnde Arbeitsmarkt in selektiver Weise Arbeitskräfte aus sehr unterschiedlichen Herkunftsregionen binden könnte. |
| Außenwanderung: | Alle Experten sind sich einig, daß die Außenwanderung in naher Zukunft die beutendste Komponente für die bundesdeutsche Bevölkerungsentwicklung, -struktur und -verteilung sein wird. Dies wird einerseits mit den durchlässigeren Grenzen und dem steigenden Wohlstandsgefälle zwischen Mitteleuropa und den Staaten Osteuropas und der "Dritten Welt" erklärt. Es ist allerdings völlig ungewiß, welches Ausmaß die Außenwanderung in der nahen Zukunft erreichen wird. Es wird angenommen, daß insbesondere Aus- und Übersiedler und andere Immigranten aus Osteuropa in naher Zukunft in verstärktem Maße nach Deutschland strömen werden. Die Zahl der Außenfortzüge wird jedoch ebenfalls ansteigen. Für einzelne Jahre (z.B. 1997 und 1998) überstieg die Zahl ausländischer Fortzüge die der Zuzüge.
Quelle: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, 2000 Die achte koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung schätzt die Nettozuwanderung von Ausländern zwischen 2000 bis 2049 auf 4,9 (Variante 1) bis 9,3 (Variante 2) Millionen Ausländer. Die Altersstruktur der Zuwandernden (Mobilitätshäufigkeit bei jungen Menschen ist größer als bei älteren, vgl. voriges Kapitel) wurde bei der Schätzung der übrigen Basisparameter übrigens bereits berücksichtigt. |
Die Tendenz der Veränderung von
Altersstruktur und Bevölkerungsgröße Deutschlands wird sich
in naher Zukunft nicht verändern - so daß kurz zusammengefasste
Ergebnis der aktuellen Prognose.
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![]() Quelle: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, 2000 |
Die aktuelle Zuwanderungsdebatte verdeckt die Erkenntnis, daß Wanderungsvorgänge allein die strukturellen Veränderungen der Bevölkerung und des Arbeitsmarktes nicht rückgängig machen oder ausgleichen können.
Selbst eine Zuwanderung von 200.000 Personen pro Jahr wird den Alterungsprozess nur verlangsamen, aber nicht verhindern.
Das ergeben auch Modellrechnungen der Vereinten Nationen (UN) zum Thema "Bestandserhaltungsmigration" (Replacement Migration) vom März 2000. Diese Studie zeigt unter anderem, daß jährlich über 3,4 Millionen Personen nach Deutschland zuwandern müssten, wenn man die zahlenmäßige Relation der 15-64-Jährigen zu den über 64-Jährigen konstant halten wollte. Im Zeitraum von 1995 bis 2050 wären dies fast 190 Millionen Zugewanderte, also weit mehr als das Doppelte der heutigen Bevölkerung. Nach der UN-Studie lässt sich somit die Altersstruktur durch Zuwanderungen unter realistischen Rahmenbedingungen nicht erhalten. Sie zeigt zugleich, daß als Alternative - bei einem Modell ohne Wanderungen - eine spätere Altersgrenze bei etwa 77 Jahren - rein theoretisch - zum gleichen Ergebnis (konstantes Verhältnis der Bevölkerung im Renten- zu derjenigen im Erwerbsalter) führen würde. (Quelle: Stat. Bundesamt, Bevölkerungsentwicklung Deutschlands bis 2050, http://www.destatis.de/download/veroe/bevoe.pdf, S. 16)
Die Gewissheit der hochwahrscheinlichen Entwicklung auf der Basis der immer komplexeren und genaueren Prognosemodelle ermöglicht im Grunde genommen rechtzeitige planerische Reaktionen - auch durch Geographen.
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