Die menschliche Population der Erde hat sich seit ihren Anfängen auf die heutige, individuell kaum faßbare Zahl von rund 6 Mrd. Menschen vergrößert. Die Hälfte dieses Zuwachses entstammt den letzten 35 Jahren und die Dynamik dieses natürlichen Wachstums stellt verschiedene staatliche aber auch internationale Organisationen vor schier unlösbar erscheinende Probleme.
Im Jahr 1800 betrug die Weltbevölkerung etwa 900.000.000, im Jahr
1915 etwa 1.800.000.000.
Die Verdoppelung der Bevölkerungszahl brauchte also 115 Jahre. Der nächste
Verdoppelungsschritt auf 3,6 Mrd war 1970 vollzogen - nach nur noch 55 Jahren. Eine weitere
Verdoppelung auf rund 8 Mrd Menschen wird seitdem innerhalb von nur noch 35 Jahren, d.h. für das Jahr 2005 angenommen.
| NWRj = | (Gj - Sj) × 100 |
| PS |
Die prozentualen Wachstumsraten der einzelnen Länder der Erde sind sehr unterschiedlich - auch wenn die Unterschiede auf den ersten Blick gar nicht so wesentlich erscheinen. Bei einem Bevölkerungswachstum von 1,5% (die mittlere globale Wachstumsrate beträgt derzeit etwa 1,96%) braucht eine gegebene Bevölkerung ca. 48 Jahre für eine Verdoppelung der Bevölkerungszahl; beträgt die Wachstumsrate 2% verkürzt sich die Verdoppelungszeit auf 37 Jahre. Bei einer Rate von 3,5%, die in einigen afrikanischen Ländern erreicht bzw. überschritten wird (z.B. Elfenbeinküste) beträgt die Verdoppelungszeit nur noch 22 Jahre!
Allgemein:
| ln(2) | ||
| Vz | = | |
| ln(1 + (Wr × 0,01)) | ||
Hier einige Beispiele:
| Land | Bevölkerung (1995) | Wachstum (%,1995) |
Verdoppelungs- zeit (Jahre) |
| Ägypten | 62.359.623 | 1,95% | 35,89 |
| Bangladesch | 128.094.948 | 2,32% | 30,23 |
| Brasilien | 160.737.489 | 1,22% | 57,16 |
| China | 1.203.097.268 | 1,04% | 66,99 |
| Deutschland | 81.337.541 | 0,26% | 267,01 |
| Elfenbeinküste | 14.791.257 | 3,38% | 20,85 |
| Japan | 125.506.492 | 0,32% | 216,96 |
| USA | 263.814.032 | 1,02% | 68,30 |
| Quelle: CIA World Fact Book, 1995, eigene Berechnung | |||
Das Grundprinzip von Bevölkerungswachstum und seine Abhängigkeiten von den natürlichen Umweltbedingungen erkannte bereits Thomas Malthus und beschrieb sie in seinem 1798 erschienenen "Essay on the Principle of Population". Seine Hauptthese lautete, daß Bevölkerungswachstum grundsätzlich exponentiell, das Wachstum der verfügbaren Nahrungsmittelressourcen jedoch stets linear verlaufe. Es muß nach dieser Annahme daher früher oder später (abhängig von den Wachstumsraten) zu einem Überschreiten der natürlichen Tragfähigkeitsgrenze kommen ("Wachstumsfalle", malthusian checks).
Abb.1 Beispiel für das Bevölkerungswachstum einer Region. Quelle: IntlPop, Ein Simulationsprogramm für globale Bevölkerungsentwicklungen, http://geosim.cs.vt.edu
Die Vorstellung eines exponentiellen Wachstums überschreitet meist das menschliche Vorstellungsvermögen, da man sich Wachstum am besten in geometrischen Schritten vorstellen kann (siehe auch RIEDL, 1980: 83ff, DÖRNER, 1992:161ff). Ein exponentieller Wachstumsprozess (als vereinfachtes Modell für Bevölkerungswachstum - unbegrenzt, bei konstanter Wachstumsrate) wird durch folgende Formel beschrieben:
Ein anschauliches Beispiel gibt H. v. DITFURTH(1988: 151ff):
Angenommen man faltet ein Blatt Zeitungspapier, das eine durchschnittliche Dicke von 0,2mm aufweist,
50 mal:
Wie dick wird der Papierstapel nach 50maligem Falten sein?
Antwort:
| Ist es jedoch andererseits realistisch, davon auszugehen,
daß Wachstum ohne Regulation stattfindet (ausschließlich positive
Rückkoppelung), Anpassungsvorgänge erst stattfinden, wenn die
Tragfähigkeitsgrenze erreicht oder überschritten ist? Empirische
Erkenntnisse, z.B. aus der Beobachtung von Tierpopulationen legen nahe,
natürliche Wachstumsprozesse als logistisches Wachstum zu
beschreiben: Mit der Annäherung an eine Tragfähigkeitsgrenze nimmt der 'Umweltdruck' auf die Population zu, d.h. die Versorgung mit z.B. Wasser und Lebensmitteln würde zunehmend schwieriger, die Sterblichkeit würde zunehmen, die Geburtenraten sinken etc. Der Verlauf eines derartigen Wachstumsprozesses nähme die Form einer S-Kurve an. | ![]() |
| Abb.2 |
Das Ausmaß der
natürlichen
Bevölkerungsbewegung ergibt sich aus dem Saldo der Geburten und
Sterbefälle. Unterschiedliche Raten der natürlichen
Bevölkerungsentwicklung in verschiedenen Regionen der Erde werden dabei
durch unterschiedliches generatives Verhalten bedingt. Generatives Verhalten ist
allerdings nicht direkt meßbar.
Es wird bestimmt durch die
Wechselwirkungen von bestehenden Randbedingungen
Als generatives Verhalten wird die Gesamtheit der direkten demographischen Einflußfaktoren bezeichnet, wie z.B. Geburtenrate, Kindersterblichkeit, Heiratsalter (bzw. Alter der Eltern bei der Geburt des ersten Kindes), durchschnittliche Lebenserwartung und Familiengröße. Indirekt meßbar wird das generative Verhalten z.B. über die Indikatorvariable Heiratsalter (liegt in 'Entwicklungsländern' deutlich unter dem der frühindustrialisierten Staaten).
Meßgrößen für die Darstellung generativen Verhaltens sind z.B.:
Allgemeine Fertilitätsrate:
| Lebendgeborene | also die Zahl der Geburten auf 1.000 Frauen im gebärfähigen Alter (reproduktive Lebensphase). Ableitungen aus der allgemeinen Fertilitätsrate sind altersgruppenspezifische Fertilitätsraten /z.B. Fertilität der unter 30jährigen Frauen). | ||
| FR = | × 1000 | ||
| Frauen 15 bis 45 |
rohe Mortalitätsrate (Sterbeziffer):
| Sterbefälle | bzw. altersgruppenspezifische Sterberaten. | ||
| MR = | × 1000 | ||
| Gesamtbevölkerung |
Besser als die allgemeine oder rohe Mortalität eignet sich jedoch die mittlere Lebenserwartung für den Vergleich unterschiedlicher Regionen, da diese die möglicherweise unterschiedliche altersstrukturelle Zusammensetzung von Bevölkerung ausgleicht. Altersstrukturell stark gegensätzliche Bevölkerungen (vgl. Bevölkerungspyramiden) weisen auch sehr unterschiedliche Mortalitätsraten auf.
Einflußfaktoren für unterschiedliche, z.B. regionalspezifische Ausprägungen dieser Kenngrößen sind unter anderem
Einflußgrößen für einen Rückgang der Mortalität lassen sich klassifizieren nach:
Als Beispiel für die regionalen
Unterschiede einer Kenngröße, zeigt die Karte die rohen Geburtenraten
für die Stadt- und Landkreis der Bundesrepublik Deutschland für 1996.
Sowohl kleinräumige als auch großräumige Unterschiede (alte/neue
Bundesländer) lassen sich erkennen, erlauben jedoch für sich genommen
noch keine weitergehende Interpretation.
Mit zunehmendem Heiratsalter - bzw. Alter der Eltern bei der Geburt des ersten Kindes -
vergrößert sich der Generationenabstand, was einen Rückgang der Geburtenziffer (=Geburten/1000 Ew) zur Folge hat. In Industriestaaten hat zudem die Summe der Geburten je Ehe/Lebensgemeinschaft deutlich abgenommen und liegt z.T. unterhalb des
Bestandserhaltungsniveaus (2,1 bis 2,4 Kinder je Frau in den Industriestaaten). Dieser Rückgang
wird mit einem Ursachenkomplex begründet, der z.B. Veränderungen der
gesellschaftlichen Wertigkeit bezüglich beruflichem Qualifikationsniveau
und Familiengröße beinhaltet.
Der Ursachenkomplex, der sich jeweils aus der Kombination unterschiedlicher Fertilität und Mortalität ergibt, führt zu regional sehr unterschiedlichen Entwicklungen des natürlichen Bevölkerungswachstums. Die den folgenden Abbildungen zugrundeliegenden Zahlen lassen sich in aktualisierter Form finden unter http://www.cia.gov/cia/publications/factbook/.
a) weltweit:![]() Abb.3 Datenquelle: CIA World Factbook 1994 |
b) Afrika - Europa - Vergleich:
![]() Abb.4 Datenquelle: CIA World Factbook 1994 |
![]() Abb.5 Datenquelle: CIA World Factbook 1994 |
Eine Form der Prognosemöglichkeiten für die zu erwartende
Bevölkerungsentwicklung eines Landes ergibt sich aus der Beschreibung und
Deutung des empirischen Verlaufs der Bevölkerungsentwicklung in den
Industriestaaten seit etwa 160 Jahren. Diese m.o.w. regelhafte Veränderung
der natürlichen Bevölkerungsbewegung ging aus von hohen,
variierenden Geburten- und Sterberaten und wandelte sich zu deutlich
niedrigeren, weniger stark schwankenden Werten. Dieser Wandel ging einher mit wirtschaftlichen Strukturveränderungen von der Agrar- zur Industrie zur Dienstleistungsgesellschaft.
Analoge Tendenzen für die Geburten- und Sterbefallentwicklung werden heute auch in anderen Ländern beobachtet und für die weltweite Entwicklung
ebenfalls angenommen (UN-Prognosen).
Während vor dem Zeitalter der Aufklärung v.a. schlechte medizinische und ungünstige
sozio-ökonomische Verhältnisse sowie Wanderungen das
Bevölkerungswachstum beeinflußten, wird dieses heute in den
entwickelten Ländern - neben Wanderungen (vgl. nächstes Kapitel) - nicht so sehr durch die
Mortalität, sondern durch Veränderungen der Fertilität z.B. durch
Geburtenkontrolle beschränkt.
Geburtenkontrolle ist als Funktion
der zunehmenden Selbstbestimmung und Planung der optimalen
Familiengröße aufgrund veränderter sozialer Verhaltensweisen
(Beispiel DDR - fünf neue Bundesländer nach der Wiedervereinigung) zu
verstehen. Ursachen für Veränderungen in der Familienstruktur und
-größe sind zumeist ökonomische Rahmenbedingungen wie
Insgesamt ist eine Veränderung der Stellung der Frau in der (westlichen) Gesellschaft zu beobachten, die mit Geburtenrückgängen korrelliert.
Weitere (indirekte) Einflußfaktoren sind
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Der demographische Wandel hat sich in allen Industrieländern in der Vergangenheit nach einem übereinstimmenden Muster vollzogen:
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![]() Abb.6 Idealtypisches Schema der demographischen Transition (© C. Breßler) |
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Der idealisierte Verlauf der letzten 160 Jahre wird als
Modell für den erwartbaren Verlauf der Bevölkerungsentwicklung in den
'Entwicklungsländern' angesehen: Man geht übewiegend davon aus,
daß analoge ökonomische, soziale und siedlungsstrukturelle
Entwicklungen (die man mitunter heute beobachten kann) auch analoge
demographische Entwicklungen induzieren werden bzw. als Indikatoren für
Veränderungen der demographischen Bedingungen angesehen werden können.
Die bevölkerungspolitische Arbeit der UN baut beispielsweise auf diesem
Modell auf. Dabei wird es wegen seiner
verwendet. | ![]() Abb.7 Einordnung der Länder der Erde in die Stadien des demographischen Übergangs. Quelle: de Lange, verändert |
Eine Einordnung von verschiedenen Ländern der Erde in die Phasen des demographischen Übergangs wird z.B. auch in Haggetts Geographielehrbuch (19912: 215) vorgenommen.
Die Betrachtung der Mechanismen der natürlichen Bevölkerungsbewegungen offenbart einige typisch menschliche Erkenntnis- und Bewertungs"schwächen":
Diese typisch menschlichen Schwierigkeiten bei der Erfassung und Bewertung demographischer Gegebenheiten zu überwinden ist eines der Anliegen der Bevölkerungsgeographie.
[cb]
Literatur zu diesem Kapitel: