Bei der Betrachtung der Entwicklung und räumlichen Verteilung von Bevölkerung ist häufig weniger die Gesamtbevölkerung eines Raumes von Interesse als vielmehr eine oder mehrere Teilgruppen. Vergleiche der Entwicklung und räumlichen Verteilung einzelner Bevölkerungsgruppen geben Aufschluß über unterschiedliche demographische, soziale und wirtschaftliche Entwicklungen unterschiedlicher Raumeinheiten und ermöglichen zudem eine Prognose zukünftiger Bevölkerungsentwicklungen. Sie dienen damit als Grundlage einerseits zur Planung bsw. von Infrastruktureinrichtungen sowie andererseits zur Gestaltung sozialer Sicherungssysteme und finanzpolitischer Aufgabenbereiche.
Allerdings werden Untersuchungen zur strukturellen Bevölkerungszusammensetzung noch weit stärker als dies bei Fragestellungen zur Gesamtbevölkerung der Fall ist, durch unzureichende statistische Angaben sowie durch voneinander abweichende Definitionen und räumliche Gliederungsprinzipien erschwert.
Zur kleinräumlichen Analyse unterschiedlicher Bevölkerungsstrukturmerkmale sei hier weiterführend auf das Kapitel zur räumlichen Segregation verwiesen.
In aller Regel läßt sich die Bevölkerung eines Raumes nach drei Merkmalsgruppen gliedern, die in einem inhaltlichen Zusammenhang zueinander stehen.
Die demographische Struktur einer Bevölkerung läßt sich im wessentlichen durch den Altersaufbau, das Geschlechterverhältnis sowie durch die Familien- und Haushaltsstruktur kennzeichnen, zwischen denen Abhängigkeiten bestehen. Beispielsweise können unterschiedliche Strukturen zweier Teilbevölkerungen hinsichtlich des Familienstandes Ausdruck einer differierenden Altersstruktur sein.
Die Geschlechterverteilung der Bevölkerung eines Raumes wird normalerweise durch die Sexualproportion (Verhältnis männlicher zu weiblicher Bevölkerung) ausgedrückt. Diese gibt an, wieviel männliche Personen auf je 100 oder 1000 weibliche Personen entfallen.
Hinsichtlich dieses Kennwertes lassen sich bei einem globalen Vergleich erhebliche Unterschiede zwischen sogenannten Industrie-, Schwellen-, und Entwicklungsländern feststellen. Während Länder eines geringen wirtschaftlichen Entwicklungsstandes meistens einen hohen Anteil an Männern an der Bevölkerung aufweisen, steht dem ein deutlich geringerer Anteil der Männer in den Schwellen- und Industrieländern gegenüber. Diese Unterschiede lassen sich durch die jeweilige Position einer Bevölkerung im demographischen Übergang und der jeweiligen Bevölkerungsstruktur erklären. Eine nach Altersgruppen differenzierte Analyse der Sexualproportion einer Bevölkerung ist also notwendig. Da einerseits der männliche Anteil an den Neugeborenen einer Bevölkerung den der weiblichen übersteigt (Verhältnis etwa 106 : 100 in Industriegesellschaften; in Entwicklungsländern ist der Anteil der männlichen Neugeborenen z.T. erheblich höher), andererseits die Lebenserwartung der Männer aber geringer ist als die von Frauen, liegt in Staaten mit einer jungen Bevölkerung der Wert der Sexualproportion normalerweise über 100, in stark überalterten Gesellschaften liegt er darunter.
Der Altersaufbau einer Bevölkerung ist ein weiteres Strukturmerkmal, das für bevölkerungsgeographische Fragestellungen von großem Interesse ist. Einfachste Hinweise auf die Altersstruktur geben das Durchschnittsalter bzw. das Medianalter.
Häufig ist allerdings eine weitergehende Betrachtung der Bevölkerungszahlen und -anteile einzelner Altersgruppen sinnvoll. Für eine genaue Analyse des geschlechterspezifischen Altersaufbaus eignet sich die Betrachtung von Bevölkerungspyramiden. Bevölkerungspsyramiden stellen Häufigkeitsdiagramme dar, in denen für jede Altersgruppe die absoluten Werte oder relativen Anteile der männlichen und weiblichen Bevölkerung eines Raumes abgetragen sind. Meist werden dabei die Altersstufen in Fünf-Jahres-Schritten zusammengefaßt.
Solche Bevölkerungspyramiden bieten eine einfache Möglichkeit des räumlichen Vergleichs und der Prognose zukünftiger demographischer Entwicklungen. Gleichzeitig sind sie aber auch ein Abbild der vergangenen demographischen Entwicklung und geben damit häufig Hinweise auf bedeutende demographische Einschnitte oder Entwicklungsimpulse in der Vergangenheit (z.B. Kriege, konjunkturelle Rezessionen, politische Umbrüche, Hungerkatastrophen).
In der Realität ist eine große Formenvielfalt der Altersstruktur und damit der Alterspyramide von konkreten Bevölkerungen anzutreffen. Zur Systematisierung unterscheidet man allerdings drei idealtypische, nachfolgend in Abbildung 2 dargestellte Grundformen von Bevölkerungspyramiden. Diese können für die meisten Länder entsprechend der Abfolge des demographischen Übergangs auch als eine Entwicklungfolge interpretiert werden, sind doch Mortalität und Fertilität neben dem Wanderungssaldo die entscheidenden Bestimmungsgrößen der Altersstruktur einer Bevölkerung.
Abb. 2: Grundformen von Bevölkerungspyramiden:
| Pyramidenform | Glockenform | modifizierte Glockenform | Urnenform |
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| Expandierende Bevölkerung | Stationäre Bevölkerung | Expandierende Bevölkerung mit starker Zuwanderung junger Männer |
Kontrahierende Bevölkerung |
Quelle: P. HAGGETT 1991
Ein pyramidenförmiger Bevölkerungsaufbau repräsentiert eine Bevölkerung zu Beginn des demographischen Übergangs mit hoher Mortalität und hoher Fertilität. Bei zurückgehender Mortalität verändert sich der Altersaufbau der Bevölkerung und damit die Form der Bevölkerungspyramide zunächst nur mäßig. Wenn im Zuge des demographischen Übergangs die Fertilität abnimmt, nimmt die Bevölkerungspyramide allmählich eine Glockenform an. Bei einer für zahlreiche Industriestaaten typischen, sehr niedrigen Mortalität und einer sehr niedrigen Fertilität kommt es dann zur einer starken Überalterung der Bevölkerung, wie sie eine urnenförmige Bevölkerungspyramide widerspiegelt.
Eine kleinräumliche Analyse von Bevölkerungspyramiden eignet sich desweiteren sehr gut dazu, den Einfluß von in der Vergangenheit erfolgten Binnenwanderungen (Land-Stadt-Wanderungen) einzelner Altersgruppen auf die Bevölkerungszusammensetzung einzelner Teilräume/Siedlungen/Städte abzubilden.
Die Struktur einer Bevölkerung nach dem Familienstand ist ein weiteres wichtiges Merkmal, das durch die ALters- und Geschlechtsstruktur beeinflußt wird. In Räumen mit einer sehr jungen Bevölkerung ist meist ein hoher Anteil der ledigen Personen festzustellen. Mit zunehmender Alterung einer Bevölkerung ist entsprechend ein wachsender Anteil der verheirateten Bevölkerungsmitglieder zu erwarten. Allerdings spielen hier auch die jeweils kulturspezifische Heiratsquote, das durchschnittliche Heiratsalter sowie die Häufigkeit der Ehelösungen eine Rolle. Zentrale Bedeutung besitzt der Anteil der Frauen in gebährfähigem Alter an der Gesamtbevölkerung.
Was die jeweils anzutreffenden Familienstrukturen angeht, so können diese zwischen unterschiedlichen Teilräumen erhebliche Unterschiede hinsichtlich ihrer Familiengröße, ihrer Zusammensetzung, der Zahl der Ehelösungen sowie hinsichtlich der Stellung der Familien innerhalb der Gesellschaft aufweisen. In zahlreichen Industrieländern gilt die sogenannte "Kernfamilie" als typisch, unter der eine Ehe/Lebensgemeinschaft mit einer Generation an Kindern verstanden wird. Eine Ehe ohne Kinder wird entsprechend häufig als unvollständige Familie bezeichnet. Bei Versterben eines Ehepartners oder einer Ehescheidung spricht man von der sogenannten Restfamilie (Kuhls 1993, S. 81). Dreigenerationenfamilien sind jedoch auch in vorindustriellen Gesellschaften wegen der allgemein geringen Lebenserwartung recht selten. Diese Familienform ist vielmehr eine Erscheinung der beginnenden Industrialisierung (z.B. in Zentral- und Westeuropa im 19. Jahrhundert).
Hinsichtlich der Haushaltsstruktur der Bevölkerung eines Raumes beschränken sich die von der amtlichen Statistik bereitgestellten Angaben meist lediglich auf die durchschnittliche Zahl der in einem Haushalt lebenden Personen. Als Haushalt wird hierbei eine Personengemeinschaft verstanden, die durch die Nutzung einer gemeinsamen Wohnung sowie durch gemeinsame Haushaltsführung gekennzeichnet ist. Ein Haushalt kann also durchaus auch durch mehrere Familien sowie familienfremde Personen umfassen.
Zwischen unterschiedlichen Räumen der Welt sind bereits seit jeher beträchtliche Abweichungen in den Formen des familiären Zusammenlebens und damit in der durchschnittlichen Haushaltsgröße festzustellen. Während die durchschnittliche Haushaltsgröße in einigen Ländern Afrikas, Südamerikas und Südostasiens auch heute noch bis zu fünf Personen beträgt, liegen die Werte in den Industriestaaten Europas und Nordamerikas mit Werten zwischen 2,5 und 3 deutlich darunter.
Aber auch innerhalb eines Landes bestehen hierzu bemerkenswerte Unterschiede, wobei der Anteil der Einpersonenhaushalte (Single-Haushalte) räumlich erheblich variiert. In der Bundesrepublik wohnten 1987 in einigen Großstädten durchschnittlich weniger als zwei Personen in einem Haushalt (Frankfurt, Hamburg, München, Stuttgart). Der Landkreis mit dem höchsten Wert der durchschnittlichen Haushaltsgröße (3,4) ist demgegenüber der Landkreis Vechta/Südoldenburg.
Als Determinanten der jeweiligen Haushaltgröße eines Teilraumes lassen sich verschiedene demographische Merkmale (Altersstruktur, Heiratsalter, Fertilität, Zahl der Generationen pro Haushalt) anführen. Ebenso wichtig sind aber auch wirtschaftliche, soziale und Verhaltensmerkmale der jeweiligen Bevölkerung. So variiert die Zahl der je Mutter geborenen Kinder je nach sozialkulturellen Gegebenheiten bzw. der diesbezüglich vorherrschenden Wertvorstellungen von Gesellschaft zu Gesellschaft erheblich. In stark industriell bzw. urban geprägten Gesellschaften werden erfahrungsgemäß weit weniger Kinder geboren als in stärker agrarwirtschaftlich geprägten Gesellschaften.
Eine Analyse der wirtschaftlichen und sozialen Struktur einer Bevölkerung erfolgt vielfach gemeinsam. Allerdings lassen sich bei genauer Betrachtung häufig nur Teilkorrelationen zwischen ökonomischen Strukturmerkmalen und dem Sozialverhalten der Bevölkerungsmitgliedern ausmachen. Dies wird bereits bei einer genaueren Betrachtung der Frage deutlich, was denn unter wirtschaftlichen und sozialen Merkmalen überhaupt zu verstehen ist.
Die Betrachtung sozio-ökonomischer Strukturmerkmale kann auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen, d.h. im internationalen Vergleich oder zur Darstellung und Erklärung regionaler Entwicklungsdisparitäten wie auch zur Analyse innerstädtischer räumlicher Strukturen einer Gesellschaft von Interesse sein.
Als einfaches Merkmal zur Kennzeichnung der wirtschaftlichen Struktur der Bevölkerung eines Raumes kann die Erwerbsquote verwendet werden. Diese gibt an, wie groß der offizielle Anteil der Erwebspersonen an der Bevölkerung eines Raumes ist, d.h. wie groß der Anteil der Bevölkerung ist, der aktiv in den Produktions- und Wertschöpfungsprozeß eingebunden ist. Bei der Betrachtung dieser Erwerbsquote ergeben sich allerdings insofern erhebliche Probleme, als insbesondere in zahlreichen Entwicklungsländern der informelle Sektor einen ganz erheblichen wenn nicht sogar dominierenden Anteil an der Produktion bzw. der Beschäftigung ausmacht, so daß sogar Entwicklungshilfestrategien teils auf die Förderung des informellen Wirtschaftssektors abzielen. Die Zahl der hier Beschäftigten ist allerdings nur schwer zu quantifizieren und wird nicht im Rahmen der offiziellen Statistiken erfaßt.
Differenzierte Kenntnisse über die wirtschaftliche Struktur einer Bevölkerung erhält man bei der Betrachtung ihrer Erwerbsstruktur. Einen grundlegenden Beitrag zu einer solch gegliederten Betrachtung hat im Jahre 1949 Fourastié mit seinem Buch "Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts" geliefert, in dem er die idealtypische Verschiebung der Beschäftigtenanteile der drei Wirtschaftssektoren:
betrachtet, wie er sie in Folge der Industrialisierung in Europa und Nordamerika beobachten konnte. Die vor. bzw. frühindustrielle Zeit war dadurch gekennzeichnet, daß etwa 80 Prozent der Bevölkerung im primären Sektor arbeiteten. In den folgenden etwa 200 Jahren stieg die Beschäftigung im sekundären Sektor zwischenzeitlich auf etwa 40 bis 50 Prozent an bis dann in heutiger Zeit in einigen Industriestaaten bis zu 80 Prozent der Beschäftigten im Dienstleistungssektor arbeiten und vor allem im primären Sektor nur noch wenige Menschen beschäftigt sind. (vgl. Abbildung 3)
Abb.3: Idealtypische Veränderung der Erwerbstätigenstruktur nach Fourastié

Quelle: IFL, 2001, verändert
Probleme ergeben sich allerdings hinsichtlich der Übertragbarkeit dieser von Fourastié definierten idealtypischen Entwicklung auf andere Länder und Gesellschaften hinsichtlich der zeitlichen Dauer des Übergangs. Abbildung 4 zeigt hier den Übergang für eine Reihe unterschiedlicher Länder.
Abb. 4: Entwicklung der Beschäftigungsstruktur unterschiedlicher Länder nach den drei Wirtschaftssektoren

Quelle: Bähr 1983, S. 143, nach Bobek 1968, verändert und ergänzt
Desweiteren ist der sogenannte tertiäre Sektor im einzelnen doch sehr heterogen zusammengesetzt. Der Parkwächter, der Kellner in einer Gastwirtschaft oder die Verkäuferin in einem Einzelhandelsgeschäft zählen hier ebenso dazu wie der Finanzberater oder die Sekretärin in einer Großbank. So wird der während der vergangenen Jahre zu beobachtende, zum Teil erhebliche Anstieg des Dienstleistungssektors, in einigen bisher nur sehr schwach industrialisierten Entwicklungsländern in starkem Maße durch sogenannte minderwertige Dienstleistungen gekennzeichnet. Zuweilen spricht man hier sogar von der "Flucht aus der Arbeitslosigkeit" oder auch einer "versteckten Arbeitslosigkeit" im Dioenstleistungssektor.
Auch für die sogenannten Industriestaaten wäre eine weitere Differenzierung insbesondere nach produktionsorientierten Dienstleistung einerseits und konsumorientierten Dienstleistungen andererseits nötig. Dies ist zumal deshalb von erheblicher Relevanz, da den kunsumorientierten Dienstleistungen hinsichtlich ihres Verhältnis zum sekundären Produktionssektor sicherlich einen Substitutionscharakter zukommt, während demgegenüber die produktionsorientierten Dienstleistung in ausgeprägter Abhängigleit zum produzierenden Gewerbe stehen. Die vielzitierte "Dienstleistungsgesellschaft" - häufig als Substitut zur Industriegesellschaft verstanden - bedarf also offensichtlich einer eingehenderen Analyse.
Mit der Verschiebung der Beschäftigtenanteile der drei genannten Wirtschaftssektoren korrespondiert zugleich eine Veränderung der rechtliche Stellung der Beschäftigten im Beruf.
Tabelle 1 zeigt hier die Verschiebung der Anteile der Selbständigen, mitarbeitenden Familienangehörigen, Beamten/Angestellten und Arbeiter für die letzten 100 Jahre in Deutschland.
| Jahr | Selbständige in % |
mithelfende Familienangehörige in % |
Beamte und Angestellte in % |
Arbeiter in % |
| 1882 | 31,8 | 7,5 | 7,9 | 52,8 |
| 1895 | 28,2 | 5,9 | 10,7 | 54,6 |
| 1907 | 23,7 | 6,0 | 13,5 | 56,9 |
| 1925 | 20,5 | 6,4 | 19,9 | 53,3 |
| 1939 | 17,4 | 4,4 | 24,8 | 53,4 |
| 1950 | 18,5 | 4,3 | 20,2 | 57,0 |
| 1960 | 15,3 | 3,0 | 26,0 | 55,8 |
| 1970 | 12,9 | 1,6 | 33,2 | 52,3 |
| 1980 | 10,9 | 0,7 | 39,5 | 48,9 |
Quelle: Mayer 1979, Statistisches Bundesamt 1981
Auffällig ist hier der im Zeitablauf stark abnehmende Anteil der Selbständigen (insbesondere verursacht durch den stark abnehmenden Anteil des primären Sektors) und die starke Zunahme der abhängig Beschäftigten insbesondere im Angestellten- bzw. Beamtenverhältnis.
Einen weiteren Aufschluß über die Wirtschafts- und Beschäftigungstruktur einer Bevölkerung ermöglicht eine differenzierte und eventuelle vergleichende Betrachtung der Beschäftigtenzahlen nach einzelnen Wirtschafts- und Industriezweigen, wie sie von den offiziellen Statistiken zahlreicher Industriestaaten erfaßt und ausgewiesen werden. Abbildung 5 zeigt für Bereiche des produzierenden Gewerbes einen Vergleich zwischen Portugal, Spanien und der Bundesrepublik Deutschland.
Abb. 5: Beschäftigte im produzierenden Gewerbe nach Industriezweigen in Portugal, Spanien und Westdeutschland 1989 (in %)

Quelle: Freund, in GR 5/1995, S. 285
Neben den genannten Indikatoren zur Beschäftigungsstruktur einer Bevölkerung sind unter bevölkerungsgeographischen Fragestellungen schließlich auch Kenntnisse zur Wertschöpfung, Produktivität und Einkommensstruktur der Bevölkerung von Interesse.
Das jährliche Bruttosozialprodukt zu Marktpreisen (BSP) umfaßt alle in einem Jahr hergestellten Güter und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft. Durch Subtraktion der Abschreibungen (Güter, die zum Ersatz des im Produktionsprozeß verschlissenen Realkapitals benötigt wurden) und der Steuern sowie Addition staatlicher Transferleistungen erhält man das Nettosozialprodukt zu Faktorkosten, das im Wirtschaftskreislauf einer Volkswirtschaft dem Volkseinkommen entspricht.
Das Sozialprodukt pro Einwohner wird häufig als Wohlstandsindikator der Bevölkerung eines Staatsgebietes bzw. seiner Teilräume herangezogen. Abbildung 6 zeigt hier einen Vergleich zwischen
Abb. 6.: Bruttosozialprodukt in US-$ je Einwohner in ausgewählten Staaten 1994
Quelle: Weltbank, entnommen aus: Statistisches Bundesamt 1995: Statistisches Jahrbuch für das Ausland
Insbesondere im internationalen Vergleich ist die Verwendung der statistischen BSP-Werte allerdings mit einer Reihe von Problemen behaftet.
Insbesondere aber gibt der rechnerische Durchschnitt des Sozialprodukts pro Einwohner einer Bevölkerung noch keinerlei Hinweis auf die interne Verteilung der Wertschöpfung und des Einkommens auf die einzelnen Bevölkerungsmitglieder bzw. Bevölkerungsgruppen.
Hinsichtlich dieser personellen Einkommensverteilung ist zu unterscheiden zwischen der primären Einkommensverteilung, wie sie aus den eigentlichen Marktprozessen resultiert, und der sekundären Einkommensverteilung, wie sie dann in einer sozialen Marktwirtschaft als Ergebnis einer Umverteilung durch staatliche Eingriffe (Redistributionspolitik) letztendlich vorliegt. Die Form und das Maß dieser Redistributionspolitik hängt hierbei davon ab, welche Einkommensverteilung von gesellschaftlicher und politischer Seite als "gerecht" angesehen wird. Als Beurteilungskriterien stehen hier zum einen eine Entlohnung nach dem Leistungsfähigkeitsprinzip oder aber zum anderen nach dem Äquivalenzprinzip zur Diskussion.
In der Bundesrepublik findet in der Gestaltung des Einkommensteuertarifs in Form eines progressiv gestalteten Formeltarifs das Leistungsfähigkeitsprinzip seine Anwendung, das durch erhebliche Umverteilungen durch die Sozialpolitik ergänzt wird.
Als Instrumente einer solchen staatlichen Redistributionspolitik stehen dabei zum einen die unterschiedlichen steuerlichen Instrumente (insbes. Personalsteuern) zur Verfügung sowie zum anderen verschiedenste Formen der Transferzahlungen an weniger "leistungsfähige" Gesellschaftsmitglieder. Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, was jeweils als Kriterium der Leistungsfähigkeit angesehen werden kann.
Eine Messung bzw. Darstellung der personellen Einkommensverteilung kann mittels der Lorenz-Kurve oder des Gini-Koeffizienten erfolgen (vgl. Abbildung 7). Die Lorenzkurve gibt in diesem Fall an, wieviel Prozent der Einkommensbezieher welchen Anteil des Gesamtvolkseinkommens beziehen.
Abb. 7: Die Lorenz-Kurve und der Gini-Koeffizient zur Darstellung bzw. Messung der Einkommensverteilung

Quelle: Woll 1990, S. 449
Eine gerade ansteigende Lorenz-Kurve zeigt somit eine Gleichverteilung zwischen den Bevölkerungsmitgliedern, eine stark gekrümmte Kurve hingegen eine ausgeprägte Ungleichverteilung. Der Gini-Koeffizient wird als Quotient aus der Fläche zwischen einer Gleichverteilungsgeraden und der Lorenz-Kurve und der maximalen Ungleichverteilung, d.h. der Gesamtfläche unterhalb der Gleichverteilungsgeraden OFU gebildet. Ein Koeffizient von G = 0 bedeutet demnach eine Gleichverteilung, einer von G = 1 theoretisch eine vollkommene Ungleichverteilung (siehe auch
diese weiterführende Erläuterung).
Weiterhin soll hier noch erwähnt werden, daß neben der Einkommensverteilung als wirtschaftliches Strukturmerkmal sicherlich in gleichem Maße die Vermögensverteilung und damit das Maß der Beteiligung der Bevölkerung am Produktivvermögen einer Volkswirtschaft von Interesse ist.
Unter dem Begriff der sozialen Strukturmerkmale einer Bevölkerung werden eine ganze Reihe von zum Teil doch recht unterschiedlichen Einzelvariablen subsummiert. Eine Betrachtung der sozialen Situation und Entwicklung eine (Teil-)Bevölkerung erfolgt häufig dementsprechend undifferenziert.
Unterteilt werden können diese Variablen einerseits nach solchen, welche die Lebensbedingungen und den materiellen Wohlstand einer Bevölkerung in ihrer Differenzierung charakterisieren und andererseits nach solchen, welche in stärkerem Maße Aussagen über das Sozialverhalten der Bevölkerung zulassen.
Erstere können beispielsweise sein:
Wie anhand ausgewählter Staaten in Tabelle 3 zu erkennen, korrelieren diese Variablen offensichtlich weitgehend mit bereits zuvor genannten wirtschaftlichen Indikatoren (BSP pro Einw., Pro-Kopf-Einkommen).
| Land Indikator |
BR Deutschland | Chile | Ghana | Indien |
| Bruttosozialprodukt pro Kopf (in US$, 1982) | 12.460 | 2.210 | 890 | 260 |
| Tägliches Kalorienangebot pro Kopf (1981) | 3.538 | 2.790 | 2.439 | 1.906 |
| Lebenserwartung bei der Geburt (in Jahren, 1982) | 73 | 70 | 53 | 35 |
| Einwohner je Arzt (1980) | 450 | 1.180 | 13.990 | 3.690 |
| Anzahl der Besucher höherer Schulen und Universitäten in % der Bevölkerung im Alter von 20-24 Jahren (1981) | 28 | 13 | 2 | 8 |
Quelle: Weltbank: Weltentwicklungsbericht 1984, übernommen aus: Bartling/Luzius 1985
Als Variablen, die in stärkerem Maße das Sozialverhalten einer Bevölkerung charakterisieren, können bsw. genannt werden:
Innerhalb und zwischen den beiden genannten Variablengruppen bestehen ohne Zweifel nicht geringe Teilabhängigkeiten. Fragen nach der Form, der Richtung und dem jeweiligen Maß dieser Korrelationen ist Gegenstand fortwährender gesellschaftspolitischer Diskussion und wissenschaftlicher Forschung.
Ohne Zweifel ist das Sozialverhalten einer Bevölkerung kulturell gestaltet und findet seine Restriktion in den Konditionen jeweils konkret bestehender äußerer Lebensumstände und ist immer auch als eine Reaktion auf diese zu verstehen. Umgekehrt werden der Wohlstand und die äußeren Lebensumstände einer Bevölkerung wiederum auch selbst durch das Sozialverhalten der Bevölkerung gestaltet, so daß hier wohl von wechselseitigen Abhängigkeiten ausgegangen werden kann, die sich mit Hilfe multivariater statistischer Verfahren untersuchen lassen.
Neben der Strukturierung einer Bevölkerung nach demographischen, wirtschaftlichen und sozialen Markmalen ist häufig eine differenzierte Analyse der Bevölkerung eines Raumes und seiner Teilräume nach ethnischen Merkmalen von kulturgeographischem Interesse.
Bereits bei dem Versuch, den Begriff der "Ethnie" ("Ethnos", griechisch = Volk) zu klären, tut man sich allerdings weithin schwer. Vor allen Dingen werden hier häufig ethnisch-kulturelle Merkmale einerseits und ethnisch-physisch-phänotypsche Merkmale in unzulässiger Weise vermischt. Eine wissenschaftliche Beschäftigung mit letzteren ist in Deutschland aufgrund des Mißbrauchs des Forschungsgegenstandes durch die von den Nationalsozialisten zur Legitimation des Juden-Progroms entwickelten pervertierten Rasse-Theorien häufig historisch vorbelastet.
Für bevölkerungsgeographische Fragestellungen sind allerdings ohnehin eher ethnisch-kulturelle Merkmale von vorherrschendem Interesse. Zur Frage, was man denn eigentlich unter einer Ethnie verstehen kann, ist in der Vergangenheit eine lange Reihe von Definitionsversuchen entwickelt worden. Hier sollen jedoch lediglich einige diesen Definitionsversuchen gemeinsame Abgrenzungskriterien genannt werden:
Es ist offensichtlich, daß sich eine genaue Identifizierung einzelnen Ethnien innerhalb einer Gesamtbevölkerung häufig als schwierig erweist und exakt wohl letztlich gar nicht möglich ist (zumal die Integration ein staatlicheseits zumeist erwünschter Prozess ist). In der Praxis bedient man sich in der Regel der rechtlichen Staaten- bzw. Nationalitätenzugehörigkeit eines Bevölkerungsmitglieds.
Ethnische Teilgruppen einer Bevölkerung können schließlich in ihrer räumlichen Struktur auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen von bevölkerungsgeographischem Interesse sein.
Bereits auf internationaler Ebene sind in der Menscheitsgeschichte häufig durch ausgeprägte Wanderungsströme auch über große Distanzen erhebliche Veränderungen in der großräumlichen und internationalen Verteilung einzelner Ethnien bzw. deren Kulturmerkmale festzustellen. Abbildung 8 zeigt beispielsweise die Ursprungsgebiete und räumliche Ausbreitung der Weltreligionen des Buddhismus, des Islam und des Hinduismus als ethnisch kulturelle Merkmale.
Abb. 8: Ursprungsgebiete und Ausbreitung des Islam, Buddhismus und Hinduismus

Quelle: Broek/Webb 1978, entnommen aus Bähr 1983, S. 164
Insbesondere beim Hinduismus ist man sich allerdings nicht selten uneinig darüber, inwieweit dieser überhaupt als gemeinsame gruppenbildende Religion und damit als verbindendes ethnisch-kulturelles Merkmal verstanden werden kann.
Etnisch-geographische Fragestellungen auf mesoräumlicher Ebene sind häufig hinsichtlich der rechtlichen Position, ihrer kulturellen Rolle sowie des eigenen Selbstverständnisses von ethnischen Minderheiten innerhalb eines Staatsgebietes oder dessen Teilräme von Interesse. Beispielhaft können hier die Korsen in Frankreich, die Basken und Katalanen in Spanien, die Schotten in Großbritannien oder auch die Südtiroler in Österreich genannt werden.
Bei der Untersuchung von ethnisch-kulturellen Merkmalen auf kleinräumlicher, meist städtischer Ebene handelt es sich häufig um Analysen der Ursachen und Folgen der räumlichen Konzentration und Viertelsbildung ethnischer Minderheiten in städtischen Teilräumen. Für weitere Ausführungen sei hier abermals auf das Kapitel zur (ethnischen) Segregation verwiesen.
[mh]